ZUCHT UND ORDNUNG

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Die Fetisch-Lust an Pfadfindern und Militär-Uniformen

Die Welt des Fetischs ist bis heute eine große, bunte und vielfältige, fast ist man gewollt zu sagen, es gibt nichts, dass es nicht gibt. Und während die Fetischszene immer wieder Anfeindungen von außen erfährt – zuletzt beispielsweise bei mehreren Pride-Events in diesem Jahr, bei denen Puppys immer wieder ihre Masken ablegen mussten – hält die Community selbst fest zusammen. Oder doch nicht immer? Es gibt einen Fetisch, der seit Jahren auch innerhalb der Fetisch-Welt besonders stark polarisiert: die Rede ist vom Military-Look. In den USA gibt es hierbei oftmals einen fließenden Übergang zu den Pfadfindern, die in Deutschland bis heute nicht so weit verbreitet sind wie in den Vereinigten Staaten von Amerika. Doch diese Lust an Uniform wird bis heute heiß und leidenschaftlich debattiert – ist es nur ein modisches Statement, Ausdruck einer Störung gar, lustvolles Erleben oder geht es doch nur um die Provokation? Gerade in Deutschland wird Fetisch-Freunden mit dieser Vorliebe gerne auch eine inhaltliche Nähe zur rechten Szene nahegelegt. Stimmt das oder nicht?

Fetisch ist immer mal wieder natürlich auch mit Sexualität verbunden, aber es wäre falsch, Fetisch nur auf Sex herunterzubrechen. Sex gehört zum Fetisch dazu, aber Fetisch ist nicht gleich Sex.

Markus F. (45) ist einer jener Männer, der seit vielen Jahren ein Faible für Uniformen dieser Art hat und inzwischen zu einem Fachmann in der Szene geworden ist. Regelmäßig ist er auch in den USA und Kanada zu schwulen Military-Treffen vor Ort, berät die Community und hilft auch gerne immer wieder Neueinsteigern, die eine Lust für diese spezielle Art von Fetisch verspüren. Seinen vollen Namen will er nicht publizieren, denn es gibt sie anscheinend tatsächlich, die Anfeindungen aus der eigenen Community.

Markus, bevor wir über den Fetisch selbst reden, lass uns über die Angriffe reden, die du bis heute erlebst. Wie gehst du damit um und was konkret erlebst du?

Zunächst einmal lass mich sagen, dass ich in Deutschland diese Skepsis wirklich sehr gut verstehen kann und auch absolut akzeptiere, wenn jemand mit Uniformen nichts anfangen kann. Es ist und bleibt mit Blick auf die deutsche Geschichte ein heikles und schwieriges Thema und wer das gedanklich nicht trennen kann, also die Lust an Uniformen von Militär oder Verbänden wie den Pfadfindern auf der einen Seite und Soldaten in einem echten Krieg auf der anderen, der soll bitte die Finger von diesem Fetisch lassen. Wer offen und ohne Vorurteile in die Szene abtaucht, wird schnell erleben, dass die meisten schwulen Uniformfreaks keinerlei Berührungspunkte mit rechtem Gedankengut haben und auch Rechtsextreme sowie deren menschenverachtende Ansichten damals wie heute zu einhundert Prozent ablehnen. Ich will gar nicht verheimlichen, dass es vereinzelt Spinner gibt, die auf Naziuniformen abfahren, aber das sind in der Tat ein paar wenige Einzelfälle, die von den 99 Prozent der anderen Männer mit Uniformfetisch auch gemieden werden. Seltsamerweise kommen diese Herren, soweit sie kurzzeitig mein Leben gestreift haben, alle aus Österreich – aber das will ich nicht verallgemeinern. In den USA und Kanada kann der Großteil der Uniform-Community auch nichts mit Nazi-Symbolen anfangen, aber es gibt hier wohl ein paar mehr Überschneidungen ab und an als in Deutschland, was der Tatsache geschuldet ist, dass viele Männer dort weder historisch oder einfach vom Wissenstand her wirklich kapieren, was in Deutschland damals geschehen ist. Also, kurzum, das Klischee trifft auf 99 Prozent von uns nicht zu – aber ich kann verstehen, wie gesagt, wenn der Blick auf das eine Prozent der Irren unter uns dann doch andere Mitglieder unserer schwulen Community verstört und sie deswegen voreilige Schlüsse ziehen. Ich kann hier nur immer wieder versuchen, aufzuklären und dafür zu werben, unvoreingenommen die Uniformfans kennenzulernen, falls gewünscht. Und damit zu den Angriffen auf meine Person, das sind zumeist klassisch verbale Attacken und Beschimpfungen, gerne auch online, wenn man mich dort findet. Bei Prides oder anderen gemischten Community-Events kann es tatsächlich auch passieren, dass einem direkt Beschimpfungen entgegengerufen werden, auch mal die Androhung von Gewalt, die Mehrzahl der Leute zeigt aber zum Glück eher Interesse und fragt nach, warum, weshalb und wieso uns Uniformen so ansprechen. Am Ende geht es hier schlicht um mehr Toleranz, gerade auch in der Community – das betrifft aber nicht nur uns, sondern auch andere Fetisch-Freunde. Erinnern wir uns nur, wie von dir erwähnt, an die Angriffe gegen Puppys in diesem Jahr, denen zudem auch immer wieder vorgeworfen wird, sie würden zu sexuell aufgeladen auf CSDs herumlaufen. Fetisch ist immer mal wieder natürlich auch mit Sexualität verbunden, aber es wäre falsch, Fetisch nur auf Sex herunterzubrechen. Sex gehört zum Fetisch dazu, aber Fetisch ist nicht gleich Sex. Da geht es vielmehr um ein tieferes Verständnis der eigenen Wünsche, Lüste und Begierden, ein sich „Ehrlich-machen“ vor sich selbst, ein Begreifen seines eigenen Wesens und die Erlaubnis, altbackene moralische Grenzen als Mensch hinter sich lassen zu dürfen – natürlich immer im Rahmen unserer Gesetze. In meinem Fall kommt beim Uniformfetisch noch ein tiefes Gefühl von Kameradschaft hinzu, ein altertümliches, ebenso klischeebehaftetes Wort, ich weiß, aber es beschreibt die Sache bis heute meiner Meinung nach am besten. Es ist mehr als eine klassische Freundschaft, es ist ein Eintreten für den anderen, eine tiefe emotionale und menschliche Verbindung. Der unbedingte Willen, für den anderen da zu sein, komme was wolle.

Das klingt wirklich nach einer sehr tiefen Verbindung. Woher kommt dieser Ursprung des Uniform-Fetischs? Wie hast du dazu gefunden?

Da gibt es tausend verschiedene Wege, wie und warum jemand nach und nach die Lust für Uniformen in sich spürt. In meinem konkreten Fall fing das bei der Musterung an, damals, als es noch die Wehrpflicht in Deutschland gab. Ich weiß noch, wie da zehn Jungs und ich in einem kalten Vorzimmer zum Arzt zusammensaßen, alle nur noch in Unterhosen, alle peinlich berührt, alle blickten wir irgendwo versuchsweise in die Ferne. Ich war damals 17 Jahre alt und hatte eben erst begriffen, dass ich auf Männer stehe. Ich hatte noch keinerlei echte sexuelle Kontakte mit anderen Jungs oder gar erwachsenen Kerlen gehabt und plötzlich sitzt man mit einigen echt sexy Boys praktisch nackt in einem Raum herum. Ich musste da immer wieder auf ihre Beulen blicken und verbot mir dann doch, weiter hinzusehen. Es kommt nicht gut, vor dem Amtsarzt eine fette Latte zu haben, oder? Beim Arzt selbst dann wurde ich hinter einen Vorhang geführt und der Arzt, ein kräftiger Kerl, voll behaart und das extreme Bild eines schwulen Bären-Daddys, packte mich direkt am Schwanz, befühlte meine Eier und untersuchte meinen Genitalien sehr genau. Ich glaube, nur die Kälte des Raumes und seine, zum Glück ebenso kalten Hände haben mich kurzzeitig davon abgehalten, sofort hart zu werden. Heute im Alter kommen da im Kopf ganz viele Aspekte zusammen, die auch bei den meisten anderen Uniform-Freunden eine wichtige Rolle spielen. Zumeist geht es um ein sehr stark ausgeprägtes Dominanz-Gefälle. Das gibt es grundsätzlich natürlich in vielen Fetisch-Spielarten, bei Uniformen kommt aber die Tatsache hinzu, dass gerade hier, also im Militär oder bei Pfadfindern, unbedingter Gehorsam die Grundvoraussetzung ist. Der andere Mann dir gegenüber ist nicht einfach „irgendwie dominanter“, weil er das sagt, sondern seine ganze Wesensart und bereits seine Kleidung zeigen sehr deutlich auf, dass er der Boss ist. Ihm ist unbedingt zu 100 Prozent zu gehorchen, es gibt keine Widerrede. Nie. Niemals. Zucht und Ordnung, die bekannte Losung, die bis heute in der Bundewehr aber auch international im Militär noch immer zu hören ist, kann für Menschen, die dieses Dominanzspiel fetischisieren, zu einer sehr lustvollen Reise werden, die an Absolutheit nicht zu übertreffen ist. Ich habe immer mal wieder auch diverse andere devot-dominante Spielsessions erlebt, die alle ihren Reiz hatten, aber zumeist ja auch mit Safe Words oder ähnlichen Aspekten abgesichert sind. Das ist für die allermeisten Schwulen im Bereich Fetisch auch absolut in Ordnung und ausreichend, um den Kick zu erleben, für mich aber reichte es irgendwann nicht mehr aus. Wenn man sich in ein Setting mit Uniformen einlässt, wirst du im Grunde zu einer anderen Person, in meinem Fall, zu dir selbst. Und gleichzeitig unterwirfst du dich diesem Spiel zu einhundert Prozent, ohne Möglichkeiten, mal schnell auszusteigen, wenn etwas nicht gefällt – also ganz ähnlich wie im echten Militär, wo ich auch nicht aufhören kann, wenn ich spontan keine Lust mehr habe.

Das klingt sehr intensiv – aber auch durchaus gefährlich, findest du nicht?

Ja, das kann gefährlich sein, wenn du nicht vorab genau klärst, wohin die Reise geht. Ich rede nicht von einem Drehbuch, ich rede davon, dich mit anderen Menschen, die diesen Fetisch spüren und leben, vorab genau auszutauschen, lange Gespräche zu führen und erst dann wirklich in ein Setting einzutauchen. Für Anfänger ist das nichts, wenigstens nicht alleine, sie sollten nur in Begleitung langsam und behutsam an die Sache herangeführt werden. Zur Klarstellung: Auch ich bin nicht von heute auf morgen zum Uniform-Fetischisten mit allen Konsequenzen geworden, sondern das war ein Prozess, wie mit den frühen devot-dominaten Plays bereits erwähnt. Wir sprechen von einer Entwicklung und jeder einzelne Schritt ist eine bewusste Entscheidung – doch wenn du sie einmal getroffen hast, kannst du auch zu einhundert Prozent dahinterstehen. Ein verdammt gutes und erotisches Gefühl.

Rubber- oder Lederfreunde erleben Lustgewinn ja auch direkt durch das Material, die Kleidung. Geht es euch da genauso oder steht eher die Geschichte im Mittelpunkt?

Definitiv letzteres. Natürlich ist auch das immer eine Geschmacksache, aber bei den meisten Männern ist der Mindfuck der Kern des ekstatischen Lustempfindens, nicht eine Hose aus Stoff. Dazu sind die Materialien nicht speziell genug. Klar, es gibt auch sicherlich einige, die auf  besondere Abzeichen, Muster oder Farbspiele überdies heiß werden, aber das ist eine geringe Minderheit. Trotzdem ist im Gegensatz allerdings auch wahr, dass dir die Uniform dabei hilft, dich stark zu fühlen, nicht umsonst wird seit den 1970er Jahren in diversen Bereichen ja auch mit dieser militaristischen Ästhetik gespielt, beispielsweise ja auch viel im Musikbereich. Denke nur an die Village People oder in der Post Punk, Batcave- oder Gothic-Kultur. Militär-Jacken werden von vielen Jungs bis heute gerne getragen. Die Uniform erlaubt es dir zudem, die eigene alltägliche und oftmals nur gespielte Identität abzulegen und eine neue, wahre, echte anzunehmen. Oder lass es mich mit Depeche Mode sagen: „Let’s play Master and Servant“. Übrigens sei vielleicht auch klargestellt, dass die meisten von uns keine Uniformen benutzen, die zu einhundert Prozent echt sind – je nach Land und Gesetzeslage ist dies auch verboten. In Deutschland beispielsweise gibt es den Paragrafen 17 des Soldatengesetzes, der Mitgliedern der Bundeswehr vorschreibt, auch außerhalb ihrer Dienstzeit sich stets so zu verhalten, dass das Ansehen der Bundeswehr dadurch nicht verletzt wird. Da passen Sexsessions in Uniform wahrscheinlich nicht ganz ins Bild, auch wenn die Bundeswehr erst Ende September dieses Jahres ihre Richtlinien überarbeitet hat. Jetzt wird betont, dass Sexualität natürlich und ein Ausdruck der Persönlichkeit ist, die ins Privatleben gehört und hier auch einen besonderen Schutz genießt. In der Regel hat der Dienstherr jetzt keine Einflussnahme mehr auf das Sexualleben der Soldaten. Davor war aber zum Beispiel einer Trans-Frau in der Bundeswehr „sexualisiertes Fehlverhalten“ vorgehalten worden, weil sie auf Dating-Apps nach Sexkontakten gesucht hatte. Kurzum, in der Uniform-Fetischszene sowohl hier wie beispielsweise auch in Amerika findet oft noch intern eine Abgrenzung zu 100 Prozent echten Uniformen statt. Ich war einige Jahre lang selbst im Militärdienst tätig, meine berufliche Uniform habe ich für den Fetisch allerdings nie benutzt, sondern mir selbst eine Uniform nach meinen Wünschen zusammengelegt.

Kommen wir noch einmal auf Zucht und Ordnung und diese absolute Unterwerfung zurück, die es dann ja zwischen „Vorgesetzten und Untergebenen“ gibt. Wenn es keine Grenzen gibt, kann es nicht passieren, dass man doch im Sexspiel zu weit geht?

Nur, wenn du es falsch angehst. Deswegen führst du vorab mehrere Gespräche und bist extrem ehrlich zu dir. Und, by the way, natürlich darfst du auch Safe Words haben, ich berichte hier von meiner Reise und ein wenig von der Entwicklung der Szene, was nicht bedeutet, dass niemand sich nicht auch anders verhalten oder damit umgehen darf. Wie gesagt, es ist eine Reise, eine Entwicklung, und jeder entscheidet für sich, welche Schritte er wie und wann gehen will oder auch nicht.

Wenn man sich in ein Setting mit Uniformen einlässt, wirst du im Grunde zu einer anderen Person, in meinem Fall, zu dir selbst. Und gleichzeitig unterwirfst du dich diesem Spiel zu einhundert Prozent, ohne Möglichkeiten, mal schnell auszusteigen, wenn etwas nicht gefällt.

Du hast mir vorab erzählt, dass auch immer mehr junge Boys in den letzten Jahren die Lust an Uniformen für sich neu entdecken – woher kommt das? Und bringen die dann überhaupt die nötige Reife mit?

Das ist eine Geschichte, die vor allem in den USA in den letzten Jahren an Fahrt aufnimmt und ist befeuert durch die vielen Pfadfinder-Gruppen, die es dort bis heute gibt. Hier spielen ähnlich wie beim Militär Aspekte wie Kameradschaft, Gemeinschaftssinn und füreinander einstehen eine wichtige Rolle. Kommen diese Jungs dann aus ihren Camps zurück, erleben sie, dass es gerade in der Welt der Schwulen sehr wenig davon gibt. Die Dating-Apps, die ich bitte nicht grundsätzlich verurteilen will, haben ihr Übriges dazu beigetragen, dass sexuelle Kontakte noch schneller und anonymer ablaufen. Das hat seinen Reiz, sicherlich, aber das intime und intensive Gefühl einer Verbindung zwischen zwei Männern geht dabei einfach sehr schnell verloren. Viele Jungs, die das schon einmal anders erlebt haben, sehnen sich dann irgendwann danach. Dazu kommt erstaunlicherweise eine sehr neue Entwicklung, die ich scherzhaft immer als „Lust auf emotionale Verletzung“ bezeichne. In den letzten Jahren ist unsere Community in manchen Aspekten immer sensibler geworden, überall soll stets auf die Gefühle aller Rücksicht genommen werden. Ein falsches Pronomen laut ausgesprochen und Menschen brauchen vermeintlich sofort eine zweijährige Therapie und sind tief traumatisiert. Das mag für diese Personen richtig sein und wenn sie so leben wollen, sollen sie das bitte auch tun, aber ich erlebe, dass sich viele Boys nach etwas sehnen, das tiefer geht, übertrieben scherzhaft gesagt wollen sie eine emotionale Verletzung, sie wollen rangenommen werden, sie wollen ihre und andere Grenzen austesten, neues erleben, sich unterwerfen, gehorchen. In ihrer realen Welt sind sie fast überall in Watte gepackt, vom queer-freundlichen Lehrer über die stets verständnisvollen Eltern bis hin zur eigenen queeren Bubble. Irgendwann merken einige von ihnen, dass die reale Welt jenseits dieser hauchdünnen Luftblasen-Grenzen leider noch immer eine ganz andere ist, eine deutlich rauere. Du musst mal einstecken und auch mal stark sein können, um zu überleben. Egal, ob es um den Job geht oder einen geilen Kerl, dessen Schwanz du unbedingt spüren willst. Verletzungen gehören zum Leben dazu, aber viele aus der jungen Generation Z erleben, dass ihr Umfeld versucht, sie zu einhundert Prozent davor zu bewahren. In den USA ist das besonders bizarr und grotesk, weil die Boys in ihrer Emotionsbubble leben, während draußen die schwule Community so viele Angriffe wie seit vielen Jahren nicht erlebt. Mehrere hundert Gesetzesvorhaben, die direkt die Rechte von Schwulen, Lesben und Queers einschränken wollen, über tausend Buchtitel aus der Community, die bereits verboten sind und so weiter. Die echte Welt ist hart. Und es gibt bei einigen Boys diesen tiefen Wunsch, endlich zu lernen, damit umzugehen. Zudem kommt da auch eine sexuelle Komponente mit rein, wenn diese frechen Boys immer alles bekommen haben und plötzlich steht da ein Vorgesetzter in Uniform vor ihnen und sagt, was geschieht – und es gibt keine Widerrede. Und keine Helikopter-Eltern. Ich sage dir, ich erlebe es immer wieder, dass nach meinem ersten kurzen verbalen Drill vor einer Gruppe junger Boys die Mehrheit von ihnen bereits nach Minuten einen knallharten Schwanz hat – so hart, wie die Jungs das zuvor selbst noch nie erlebt haben. Wenn diese Boys sich schon früh auf diese Spiele einlassen, lernen sie bereits früher als andere, beginnen ihre Reise in jungen Jahren und erwerben damit schrittweise die Reife, die für den Uniformfetisch nötig ist. Reife ist hier nicht unbedingt nur ein Ausdruck des Alters, sondern eher der Frage, wann du angefangen ist, die Reise zu beginnen.

Du hast zuvor erzählt, dass für dich alles mit deiner Musterung angefangen hat – viele andere aus der Uniformszene haben vielleicht ähnliche prägende Erfahrungen mit Vorgesetzten in diversen Settings gemacht. Ist diese entwürdigende Erfahrung etwas, was zum Triggerpunkt werden kann, um schlussendlich der Uniformwelt des Fetischs zu verfallen?

Sagen wir es so, es ist ein ziemlich guter Einstieg. Entwürdigung ist erst einmal Demütigung, manchmal auch die Herabstufung zum Objekt, das kann für viele verdammt sexuell erregend sein. Gleichzeitig wird das ummantelt von einem innigen Gefühl tiefer Freundschaft und Verbundenheit zu anderen „aus deiner Gruppe“, du bist nicht allein dabei, man sitzt sprichwörtlich im gleichen Boot. Das ist eine einzigartige Kombination, die es so besonders macht. Tiefste emotionale Verbundenheit bei gleichzeitiger Entwürdigung von anderer Stelle, dazu kommt eine sexuell aufgeladene Grundstimmung und zwar sowohl gegenüber deinen gleichgestellten Kameraden wie aber auch – im Fetischbereich natürlich nur – deinem Vorgesetzten gegenüber. Im Grunde reden wir also von einem devot-dominanten Fetischspiel 2.0. Für mich gibt es in der weiten Welt des Fetischs keine andere Form, die so vielfältig und allumfassend ist.

Wenn du bei den Treffen in Deutschland oder auch Amerika oder Kanada bist, wie muss ich mir das vorstellen? Seid ihr in einem geschützten Rahmen oder wie oder wo findet das statt?

Das ist immer unterschiedlich, je nachdem, worauf der Schwerpunkt gelegt wird. Wenn es in Richtung Pfadfinder geht, bist du oft draußen in einem abgesperrten Areal, sehr gerne im Wald beispielsweise. Du lebst dort ein paar Tage in Holzhütten oder in Zelten und hast die ganze Bandbreite an Möglichkeiten – und abends sitzt man gerne rund ums Lagerfeuer, ganz klassisch. Und wenn man Lust hat, kann man einen Boy ja zwischendurch auch an einen Baum fesseln. Nur so als Idee. Im Militärbereich finden die Settings hingegen meist in geschlossenen Bereichen statt, in gemieteten Hallen oder Unterkünften beispielsweise; und niemals übrigens in echten Bunkern aus der Kriegszeit – das ist und bleibt respektlos gegenüber der Geschichte und den echten Soldaten, die dort ihr Leben gelassen haben.

Gehört zum Uniform-Fetisch denn ein Faible für Waffen dazu?

In den USA ist das eine böse Frage, weil viele Kerle da echte Waffennarren sind, aber nein, grundsätzlich nicht. Und auf gar keinen Fall wird hier mit echten Waffen hantiert. In Deutschland ist das zum einen verboten, zum anderen hat das aber nichts mit dem ursprünglichen Fetisch zu tun. Die Uniform ist nur der Mantel, in dem du dein Mindsetting packst. Sie schützt dich vor der Welt außerhalb, sie erlaubt dir, tiefer einzutauchen, in deine Lust und dein Erleben. Waffen sind dafür überhaupt nicht nötig, außer natürlich die Kanone zwischen unseren Beinen.

Im Kopf erleben wir die Ekstase unserer sexuellen Lust. Unsere Schwänze sind nur der Gradmesser für unser sexuelles Erleben, das im Kopf stattfindet – und bestenfalls kommt es dort zu einer Explosion aus purer Geilheit.

Das kann ich mir denken! Du hast bis jetzt immer von dem Machtgefälle gesprochen. Geht es dabei vielleicht auch ein wenig um ein besonderes Bild von Männlichkeit, wie wir das, vereinfacht gesagt, noch aus den Actionfilmen der 1980er und 1990er Jahren kennen?

So veraltet ist die Fetisch-Szene nicht. Es gibt viele Jungs, die wesentlich jünger sind als ich, die wissen schon gar nicht mehr, wer Kerle wie Stallone, Schwarzenegger oder Willis einmal waren. Leider, vielleicht. Aber ich würde sagen, auch ich und meine Generation der 40plus hängen nicht diesen Klischeebildern nach. Eher geht es um eine ursprüngliche Form von Männlichkeit, also nicht der tumbe Macho, sondern eher der Mann, der genau weiß, was er will. Der weiß, was er kann, der zu sich steht, der für sich und das einsteht, was ihm wichtig ist. Natürlich spielen da Bilder von Stärke und Kraft mit hinein, aber das hat weniger mit Muskeln zu tun, sondern mit Willenskraft und Power im Kopf. Und soll ich dir was sagen, genau dort, im Kopf, erleben wir auch die Ekstase unserer sexuellen Lust. Unsere Schwänze sind nur der Gradmesser für unser sexuelles Erleben, das im Kopf stattfindet – und bestenfalls kommt es dort zu einer Explosion aus purer Geilheit. Dieses Bild bringe ich wirklich nicht in Verbindung mit Schwarzenegger, der ausruft: I´ll be back.

Ich auch nicht, wirklich nicht! Lass mich zum Abschluss noch einmal auf die Begriffe „Zucht und Ordnung“ zurückkommen. Die Redewendung war zunächst eng mit den Christentum verbunden, ging dann aber Richtung Militär über und steht heute für eine übertrieben strenge Autorität und Disziplin. Warum braucht es das als Uniform-Fetischist, um Lust zu erleben?

Lass es mich so beantworten – mehr denn je leben wir heute in einer Konsum- und einer Wegwerfgesellschaft und das betrifft leider auch immer wieder unsere schwule Community und unser Sexleben, gerade in den Großstädten wie Berlin oder Köln oder in den USA eben San Francisco oder New York. Mit einem Klick bestellt, durchgefickt und fertig. Kann Spaß machen, aber man verspasst sehr viel auf lange Sicht dabei, denn intimste Lust und Ekstase ist nichts für schnelle Hüpfer. Gleichzeitig sind wir alle oft so vollgeballert im Kopf mit Ängsten, Depressionen, tausend Fragen – eine Welt wie unsere mit Pandemien, Kriegen und Klimakrise befeuert das weiterhin. Die Unsicherheit wächst, die Furcht nimmt zu. Im privaten Bereich erleben das viele Schwule auch beim Partner oder beim Dating. Bin ich genug? Bin ich gut genug? Bin ich gut beim Sex? Sehe ich gut genug aus? Bin ich zu alt? Zu dick? Da kommt ziemlich viel zusammen. Und all das legst du ab, wenn du eine Uniform anziehst und von dir Disziplin verlangt wird. Im realen Leben bin ich durchaus dafür, auch mitzudenken und nicht einfach blind nachzulaufen – gerade in Deutschland wissen wir, wohin sowas führen kann. Aber im Setting von Uniform und Fetisch kannst du alles zurücklassen, die ganze laute, abgefuckte Welt. Du gehorchst. Oder du befielst. Absolut. Ohne Ausnahme. Du lebst im Moment. Im Augenblick. Zu einhundert Prozent. Was morgen ist, ist nicht wichtig. Wichtig ist nur das Jetzt, das Hier. Wichtig ist nur der Schwanz vor dir. Oder der Arsch des Boys. Wir gehen zurück zu einer sehr ursprünglichen, natürlichen Art des Lebens. Treffen wir uns draußen, wie erwähnt, kommt dazu eine tiefe Verbindung zur Natur und zur eigenen Natürlichkeit, zu eigenen Nacktheit, hinzu. Es spielt auch keine Rolle, wie du aussiehst, ob dein Schwanz zu klein, dein Bauch zu groß, deine Haut zu alt ist – du dienst oder befiehlst. In beiden Fällen wirst du nicht in Frage gestellt, du bist einfach. Wenn dein Vorgesetzter es will, nimmt er dich. Wenn nicht, bist du bei deinen Kameraden. Du hinterfragst in diesem Setting nicht, du bist einfach nur du. Du bist einfach nur. Ende. Wer dieses Setting zum ersten Mal zu einhundert Prozent erlebt, der strahlt danach, das ist einfach unfassbar. Ich habe Jungs erlebt, die vor Freude über Stunden danach nicht aus dem Lachen, Grinsen und Herumalbern herausgekommen sind. Du gibst alles ab, in gewisser Weise oberflächlich betrachtet auch deine Würde, ja deine Menschenrechte, doch gerade durch dieses bedingungslose absolute Loslassen erlebst du zu einhundert Prozent, ganz und gar, Freiheit in deinem Kopf. Absolute Freiheit, ohne jeden Makel. Du atmest. Du bist ein Mensch. Du bist frei. Das ist es. Ein unfassbares Gefühl, das dir klarmacht, was es bedeutet, wirklich zu leben. Und mit dieser Einstellung hast du dann Sex, ohne Komplexe, Zwänge, moralische oder anderweitig einengende Vorstellungen oder Bilder einer Gesellschaft, die uns eingetrichtert worden sind. Du bist absolut frei und hast Sex, komplett frei, lustvoll, ekstatisch, ganz nah an dir dran. Mit sowas kann man schon einmal ein Wochenende verbringen, oder?

Absolut! Markus, vielen Dank dir für das Gespräch! (ms)   

Redaktionhttps://him-magazine.de
Wir verstehen uns als ein ehrliches, sexpositives Magazin, das nicht fremdbestimmt Themen vorgibt, sondern mit der Community zusammen Themen anspricht.

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