ADAM IM PARADIES

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Das erotischste Buch für den Sommer!

So könnte er tatsächlich ausgesehen haben – Adam im Paradies. Sofort geht unsere Fantasie auf Wanderschaft, je mehr wir uns in das Bild hineinfallen lassen und immer mehr sinnliche und spannende Details entdecken. Das Bild stammt vom dänischen Maler Kristian Zahrtmann (1843-1917), ein Meister seines Fachs, der mit diesem Werk seinen Höhepunkt fand. Der Däne gilt als Pionier des Naturalismus und Realismus, gründete eine vielbeachtete Kunstschule für aufstrebende junge Talente und umgab sich Zeit seines Lebens mit jungen Herren – sowohl vor wie auch hinter der Staffelei. Ob Zahrtmann tatsächlich schwul war, darf bis heute diskutiert werden, zahlreiche Hinweise deuten es zumindest an.

Die junge dänische Autorin Rakel Haslund-Gjerrild hat sich in ihrem betörenden gleichnamigen Roman „Adam im Paradies“ dieser Annahme angenommen und ähnlich wie die goldene Schlange auf dem Cover verführt uns jede Seite des Buches immer mehr dazu, in ihm gänzlich zu verschwinden, lässt uns immer tiefer eintauchen in eine Welt, in der Blicke und Fantasien Ausgangspunkte erotischer Ekstase waren. In ihrem Roman lässt Haslund-Gjerrild den dänischen Meistermaler als Ich-Erzähler auftreten. In neun Kapiteln – allesamt nach Werktiteln aus Zahrtmanns Oeuvre benannt – zeichnet die Autorin dabei in einer betörenden, sinnlichen Sprache ein Porträt des Künstlers, das sowohl seiner lächelnden Wehmut als auch seinem feinen Humor Ausdruck verleiht. Immer wieder nimmt sie uns so auch in das kleine italienische Dorf Civita d’Antino mit, wo Zahrtmann tatsächlich mit seinen kreativen Jünglingen den Sommer verbrachte. Die Luft flirrt und die Wärme schleicht sich in uns, während wir den Worten des Meisters folgen. Kaum ein Buch der letzten Jahre hat es dabei geschafft, einen so sehr in den Bann zu ziehen, dass man beinahe körperlich jede Kleinigkeit miterlebt, ja, tief im Inneren fühlt. Das Begehren, die Lust, der pure Geschmack des Sommers, die prallen vollen Farben, die uns nach und nach die Sinne rauben.  

Dem entgegen setzt Haslund-Gjerrild in ihrem Buch tatsächliche historische Dokumente über die Sittlichkeitsprozesse der Jahre 1906/07, als in Dänemark Homosexuelle verfolgt und einige – darunter auch Freunde von Zahrtmann – aus dem Land vertrieben wurden. Ein ebenso subtiler wie genialer Kunstgriff, um Zahrtmanns nie eingestandene Homosexualität zu spiegeln. Inhaltlich reisen wir in dem Pageturner nebst der erwähnten Sommerlandschaft Italiens auch ins dänische Frederiksberg des Jahres 1913. Auf dem Höhepunkt seines Ruhms bereitet sich der 70-jährige Maler darauf vor, sein Meisterwerk zu schaffen: Adam im Paradies. Ein sinnliches Glanzstück soll das Gemälde werden, überquellend vor Motiven, Farben und Symbolen, im Zentrum ein schöner nackter Mann. Während Zahrtmann das Atelier seiner Villa mithilfe exotischer Pflanzen in den Garten Eden verwandelt und den jungen Soldaten empfängt, der ihm als Aktmodell dient, gleiten seine Gedanken zurück in die Vergangenheit – zu rauschenden Zusammenkünften der Kopenhagener Décadence über die bereits erwähnte italienische Künstlerkolonie bis hin zu seinem ehemaligen Schüler und Modell Hjalmar Sørensen, an dessen Anmut er sich durch den jungen „Adam“ erinnert fühlt: „Er spreizt die Oberschenkel um ein Haarbreit, zieht jedoch beim Einatmen die Beine nicht mit, sie bleiben, wo sie sind – eine Spur gespreizter als zuvor. Komm und setz dich auf meinen Schoß, sagt das Paradies. Ich gestatte meinem Auge, all das zu berühren.”

An anderer Stelle gleitet er selbst in seine Jugend zurück, während er in einem See schwimmt und uns erklärt: „Schwimmen ist wie Träumen, und im Traum wieder zurück zu sein in seinem Körper, so wie er war, als man jung war.“ Die Lust am Sinnlichen, an der Schönheit und Farbenpracht der Natur, an der bezaubernden Natürlichkeit eines nackten jungen Mannes, all das quillt nahezu über in diesem Roman, füllt Seite um Seite an und lässt einen an anderer Stelle ein wenig wehmütig zurück. Man hätte Zahrtmann mehr sinnliches tatsächliches Erleben gewünscht, wenn er sagt: „Das Unglück der Stummen ist ja doch das größte. Sich anvertrauen zu wollen, aber nicht zu können.“ Dann allerdings flüstert er uns zweideutig ins Ohr: „Wir alle werden als Originale geboren, und leben wir lange genug, sterben wir als Kopien.“ Diese spürbare Lust, das Leben zu greifen, es zu schmecken, Verbotenes zu berühren, betört einen während dem Lesen ununterbrochen.

Umso tiefer fressen sich als Gegenpol jene Worte in unsere Magengrube, die im Rahmen des Prozesses gegen Schwule vor über einhundert Jahren in Dänemark tatsächlich festgehalten wurden. Einer jener verurteilten schwulen Schriftsteller der damaligen Zeit hält fest: „Der Tag wird kommen, an dem die Nachwelt modrige Gerichtsakten wie diese ausgraben und voll Entsetzen über strafrechtliche Verfolgung dieser Unglücklichen lesen wird. Man wird dasselbe Grauen empfinden, das uns angesichts der Hexenprozesse des Mittelalters überkommt, als Epileptiker als Hexen und Zauberer verbrannt wurden.“ Wie recht dieser junge schwule Mann doch hatte, der heute längst verstorben ist. Gerade aber diese Mischung aus Fakten und Fiktion, aus flirrender Lust und nüchterner Erbarmungslosigkeit machen Haslund-Gjerrilds Werk zu einem wirklich großen, ja, großartigen Buch, ein goldenes Meisterwerk auch abseits der lüsternen Schlange auf dem Buchcover. (jh)

Adam im Paradies

von Rakel Haslund-Gjerrild

Hardcover, 328 Seiten, 26 Euro, Albino Verlag

albino-verlag.de

Redaktionhttps://him-magazine.de
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