MR. FETISH GERMANY 2023

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Lukasz Majchrzak 

Bitte stelle uns zu Beginn deinen Mister-Titel vor – warum ist dieser wichtig für die Community? Welche besondere Botschaft und Aufgabe soll ein Mister mit deinem Titel in die Welt hinausschicken? Und was fasziniert Dich an deinem Fetisch? Wie bist Du selbst dazu gekommen?

Ich bin der Mister Fetish Germany 2023. Ich möchte sagen #stopfetishshaming. Jeder Fetisch hat seinen Sinn und ist aus einer Begeisterung entstanden. So lange wir mit dem Fetisch keinem wehtun, sollten wir den Mut haben, diesen auszuleben, denn jeder nächste Tag kann unser letzter sein. Mein Fetisch ist Leder. Als ich 10 Jahre alt war, habe ich bereits heimlich Armeestiefel aus Leder von meinem Opa getragen.

Noch immer steht gerade auch der Fetisch in der Kritik, sowohl innerhalb wie aber auch außerhalb der Community. Immer wieder wurden auch in den letzten Jahren Stimmen laut, gewisse Fetische würden nicht in das Bild der Community passen oder würden der Community gerade bei politischen Forderungen eher schaden als nützen. Wie blickst Du auf diese Kritik?

Diese Kritik ist schwachsinnig. Fetisch sind unsere Faszinationen, Gelüste und Fantasien. Diese müssen wir ausleben, um dem Alltag zu entkommen. Unsere Fetischtruppe beim Hamburger CSD wurde gefeiert wie keine andere. Wir wurden mit Komplimenten aus dem Publikum überschüttet. Wir waren selber überwältigt davon.

Es gibt inzwischen immer mehr Mister-Wettbewerbe und viele Mister-Vertreter für die jeweiligen Fetische oder Regionen. Mancherorts entsteht der Eindruck, es gibt zu viele Mister oder Titel werden beliebig vergeben, ohne tieferen Sinn dahinter. Wie siehst Du das? Brauchst es so viele unterschiedliche Mister-Träger? Und falls ja, warum?

Ich verstehe diese Kritik tatsächlich teilweise, da es manche Titelträger gibt, die kein formuliertes Programm haben und sich nur selber feiern. Mister zu sein, bedeutet, für eine Idee zu kämpfen, sich unters Volk zu mischen, aktiv bei Social-Media zu sein und für jeden ein offenes Ohr zu haben. Ich weiß, dass meine #stopbodyshaming-Kampagne eine sehr große Resonanz geschlagen hat. Nicht nur in Deutschland, sondern in der ganzen Welt. Das ist die Mission eines Misters. Gedanken schrittweise zu ändern, Herzen zu öffnen und Menschen dazu zu bewegen, sich selbst zu akzeptieren.

Der Träger eines Mister-Titels soll seine Community, seine Szene, nach außen vertreten, beispielsweise bei Events in der Community. Besteht für Dich auch die Chance, dass Titelträger als eine Art von Brückenbauer auch die gesamte Gesellschaft insgesamt erreichen und vielleicht so auch mehr Verständnis außerhalb der Community erreichen können?

Auf jeden Fall! Dazu helfen: Offenheit gegenüber Außenstehenden, eine aktive Präsenz in den Social-Media-Portalen und eine Bereitschaft zur Diskussion.

Die Fallzahlen bei der Hasskriminalität gegenüber der Gay-Community steigen in vielen Ländern weltweit wieder an, die Akzeptanz von Homosexuellen in der Gesellschaft sinkt erstmals wieder (Ipsos Studie 2023), dabei wird auch die Kritik immer lauter, die Community zeige sich „übersexualisiert“ und befeuere damit sozusagen Hass und Gewalt gegenüber Homosexuellen. Geht eine „Gefahr“ von unserer Sexualität, unseren unterschiedlichen Fetischen aus? Wie siehst Du das?

Ich finde Nein. Menschen, die gegen den Strom geschwommen sind, offen ihre Meinung gesagt haben und auch vieles riskiert haben, waren immer die, die auch den größten Vorsprung in der Welt geschafft haben. Jeder von und in der Community ist anders. Aber als Bewegung kämpfen wir gemeinsam für Akzeptanz, Diversität und Liebe. Kann man das anfechten? Ich glaube nicht.

Lass uns bitte einmal kritisch auf die Fetisch-Community blicken: Wo siehst Du intern Probleme? Welche Aspekte müssten dringend verbessert werden? Wo läuft etwas falsch und wie lässt sich das ändern?

Wir sind oft oberflächlich und vergessen dabei, an die innere Schönheit zu glauben. Wir unterliegen einem unnötigen Schönheitswahn, in dem Mann zweimal am Tag ins Gym läuft, damit man so viele Dates und Likes abstaubt wie möglich. Es zählt aber auch das, was hinter der Fassade steckt. #stopbodyshaming!

Seit rund zwei Jahren gibt es auch vermehrt Streit in der Community, teilweise kommt es zu Spaltungsprozessen zwischen LGB und TQ+, gerade weil Schwule und Fetisch-Freunde großen Wert auf das biologische Geschlecht als Grundlage für ihre Sexualität und ihren Fetisch legen, TQ+ aber im Grunde die „Auflösung der Zweigeschlechtlichkeit“ anstrebt. Wie erlebst Du diesen Streit und was sagst Du dazu?

Jeder sollte glücklich sein, so wie er geboren ist oder wie er sich fühlt. Ich finde die Ausgrenzung innerhalb bereits exkludierten Gesellschaftsgruppen sinnlos und unlogisch.

Für Menschen, die das vielleicht noch nicht kennen: Was ist für Dich das Besondere an Deinem Fetisch und der Community? Viele Fetisch-Freunde berichten von einer besonderen Freiheit im Kopf. Was würdest Du sagen?

Auf jeden Fall gehören dazu ein offener Geist und Kopf. Nur so, wenn wir uns als Bürger der Welt ansehen und den Planeten quasi von Ferne betrachten können, realisieren wir, was im Leben zählt. Und das sind Gesundheit, Freiheit und Glück. Meine Freiheit ist es, meinem Fetisch treu bleiben zu dürfen.

Die Fetisch-Welt entwickelt sich immer weiter, jedes Jahr kommen neue Fetische hinzu. Wo siehst Du die gesamte Fetisch-Community in den nächsten zehn Jahren? Welche Entwicklungen würdest Du dir wünschen?

Obwohl viele den Untergang der Community in der Entwicklung von Social-Media befürchteten, sehe ich darin eher ein Mittel der Unterstützung für viele Events. Internet, Facebook oder Instagram werden uns dabei nie einen so großen Kick geben wie ein richtiger romantischer Kuss. 

Mancherorts gibt es Nachwuchsprobleme beim Fetisch, viele junge Schwule haben entweder Berührungsängste oder können vielleicht mit dem Fetisch nicht mehr viel anfangen. Hat sich der Fetisch in gewisser Weise überlebt und ist nur noch eine Sache für „ältere Männer“ geworden oder trübt der Eindruck? Und wie könnte man die Jugend vielleicht für den Fetisch wieder begeistern?

Durch Social-Events wie Leather Social Hamburg, BLUF Nights Berlin oder Black Weekend Berlin können wir viele junge Fetischbegeisterte erreichen. Mit Fotostrecken auf Instagram können wir ihnen zeigen, dass sie sich vor nichts fürchten müssen, nur anfangen sollen, ihren Fetisch zu akzeptieren und ihre Freiheit zu genießen.

Lukasz, vielen Dank Dir für das Gespräch! (ms)

Instagram @mlb22_mfg23

Redaktionhttps://him-magazine.de
Wir verstehen uns als ein ehrliches, sexpositives Magazin, das nicht fremdbestimmt Themen vorgibt, sondern mit der Community zusammen Themen anspricht.

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