SCHWULE KUNST AUS DER GANZEN WELT

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Von der Prüderie und dem Kampf um Sichtbarkeit

Für schwule Männer, die eine Vorliebe oder Interesse für schwule Künstler und ihre Werke haben, beginnt das neue Jahr standesgemäß mit dem Your Daily Male Kunstkalender. Über 360 Zeichnungen, Bilder, Skulpturen, Fotografien und einzigartige Werke von 46 internationalen Künstlern aus der Gay-Community vereint die Sammlung in diesem Jahr, das Herzstück der niederländischen Galerie MooiMan, die wie kaum eine zweite seit Jahren versucht, gerade schwulen Künstlern ein Zuhause zu bieten.

Die Angst vor einem nackten Schwanz

Ein wichtiges Unterfangen, denn immer öfter erleben es gerade freizügige schwule Künstler, dass ihre Werke zensiert oder ganz abgelehnt werden, gerade wenn beispielsweise ein männlicher Akt zu sehen ist. Doch warum verstört das Bildnis eines Schwanzes bis heute so viele Menschen? Ist er nicht, ganz nüchtern betrachtet, schlicht das Banalste der Welt – auch im erigierten Zustand? Oder befürchten vor allem heterosexuelle Männer mit der Zurschaustellung ihrer Nacktheit eine Form von Herabsetzung, der Fall patriarchischer Strukturen, das banale Aufzeigen, dass auch nackte Männer einfach nur Menschen sind?

Klar scheint, dass sich in den letzten Jahren, vielleicht auch befeuert durch den amerikanischen Kulturkampf gegen die Gay-Community, die Prüderie immer weiter ausgebreitet hat, immer mehr schwule Kreative bekommen Probleme damit, ihre Arbeiten einem Publikum jenseits der digitalen Welt wie X zu präsentieren – und selbst hier auf Social-Media drohen gerade bei den moralischen Wächtern von Instagram über Facebook bis zu TikTok immer wieder rabiate Löschungen oder Sperrungen ganzer Profile. Gegenüber dem HIM MAGAZINE sagt der berühmte Fetisch-Fotograf Arjan Spannenburg aus den Niederlanden dazu: „Was die Prüderie betrifft, so weiß ich inzwischen, dass völlig nackte Jungen in der Kunstwelt kaum verkauft werden, einfach weil sich die Leute nicht trauen, die Bilder zu Hause aufzuhängen. Das liegt vor allem daran, dass die Leute Angst vor einem verurteilenden Blick ihrer Gäste haben. Nackte Frauen sind in dieser Hinsicht gesellschaftlich eher akzeptiert. Das steht im Widerspruch zur Kunstgeschichte, in der Knaben und Männer in Gemälden und Skulpturen auf vielfältige Weise nackt dargestellt wurden. Heute darf man im Internet nicht einmal eine weibliche Brustwarze sehen, geschweige denn einen Schwanz, selbst wenn es sich um ein Kunstwerk handelt. Das hält mich in keiner Weise davon ab, meine Kunst zu machen, aber ich bin mir sehr wohl bewusst, dass deswegen einige meiner Werke vielleicht nie verkauft werden. Andere Kunstwerke müssen die Kosten dafür aufbringen.“

Der schwule spanische Maler Domingo El Chino steht immer mal wieder fassungslos vor dieser aufkeimenden Prüderie, die gerade schwule Künstler immer unsichtbarer macht: „In Spanien, wie in allen Mittelmeerländern, gehörte und gehört Sex zu unserem Alltag. Schau´ dir nur beispielsweise die Filme von Almodóvar an. Es fällt mir schwer zu verstehen, warum Instagram so entmannend ist. Ich habe in Merida, Spanien, gelebt, bis ich 18 Jahre alt war, ehemals eine Hauptstadt des Römischen Reiches. Überall in den Straßen siehst du bis heute die Darstellungen von Fruchtbarkeitsgöttern mit unbedeckten Genitalien, Figuren mit großen Penissen oder Göttinnen mit üppigen Brüsten. Ich denke, das macht einen gewissen Unterschied zu anderen Kulturen aus. Ich bin Maler und so wie dort geht es auch bei mir um erotische Kunst, nicht um Pornografie.“

Das gleiche Ziel verfolgt auch das Team der MooiMan Galerie, wobei für 2024 viele neue spannende Künstler zur Riege der internationalen Kreativen dazugestoßen sind. Dabei gibt es im neuen Kunstkalender auch viele Statements mit Blick auf die Politik, die uns im kommenden Jahr erwarten wird – allen voran die Präsidentschaftswahlen in den USA. „In einer Reihe von Ländern bemühen sich die neuen Gesichter für eine strengere Politik gegenüber LGBTIQ+ Rechte. Wir müssen wachsam sein und weiterhin sichtbar für unsere Rechte kämpfen“, so Jan van Stralen von der niederländischen Galerie. Politisch bewertete Bilder sind so beispielsweise Zeichnungen von Musk Ming, der sich als Gourmet-Happen einen nackten gefesselten chinesischen Jüngling schmecken lässt – der gedankliche Weg hin zur eingesperrten und unterdrückten Politik Chinas gegenüber Schwulen ist da nicht weit.

Jenseits der Schmuddelecke

Abseits des Mottos „Jeden Tag ein neuer Mensch“ wollen die Macher dabei mit dem Gesamtkunstwerk auch Emotionen in den Mittelpunkt rücken und bedienen sich dazu spannender Gesichtsportraits, die uns mutig, erwartungsvoll, schüchtern, stolz oder fragend entgegenblicken. Eindeutige Antworten wollen die fast fünfzig Künstler in ihren Werken selten geben, eher laden sie dazu ein, die Bilder selbst zu reflektieren. „Benutzt einfach eure Vorstellungskraft, es ist alles in einer Geste, einem Blick oder ein Lächeln. Wir alle leben und lernen“, so van Stralen weiter. Einer der deutschen Künstler, Lukas Moll, beschreibt seine Werke und den Kalender so: „Durch meine Kunst erkunde ich die oft übersehenden, komplexen und vielfältigen Erfahrungen von queeren Menschen. Mit meiner Kunst bemühe ich mich um einen offenen und akzeptierenden Dialog, der die Schönheit und Stärke der Gemeinschaft zelebriert.“ Ähnlich blicken viele der Künstler in diesem Jahr auf ihre Werke und hoffen gerade durch die Vielfalt ihrer Arbeiten auch deutlich zu machen, dass schwule Kunst gesehen werden darf und soll – sie hat nichts in der Schmuddelecke verloren, steifer Schwanz hin oder her.

Auch das Liebesspiel zwischen Männern hat seine künstlerische Berechtigung, ebenso wie der Fetisch – das wird deutlich in den Werken des italienischen Künstlers Diego Tolomelli, der uns mit seinem Werk „Wolfsjunge“ sofort in seinen Bann gezogen hat. „Tolomelli ist der Sonnenfänger unter den Glasmalerei-Künstlern“, so van Stralen weiter. „Das Gesicht ist mit einer Maske bedeckt, aber das sichtbare Auge blickt sehr deutlich hervor. Diego Tolomelli lebt und arbeitet in Bolsena. Seit über einem Jahrzehnt experimentiert er mit Erotik, Geschlecht und Fetisch und bedient sich dabei einer Kunstform, die allgemein als kirchlich betrachtet wird.“ Nebst dem Wolfsjungen präsentiert der Italiener weitere besondere Sonnenfänger aus Glas, frech und einmalig. Wir sind schockverliebt!

Ein weiterer bemerkenswerter Künstler im Reigen von MooiMan ist der Spanier Ose del Sol; in einem seiner Werke spaziert ein nackter Jüngling mit perfektem Hinterteil durch eine nicht näher benannte Stadt. Del Sol sagt dazu: „Die Schönheit des menschlichen Körpers ist faszinierend. Als Künstler stelle ich ihn gerne mit den verschiedenen Techniken dar und bin immer wieder beeindruckt von den zahlreichen Möglichkeiten. Ich darf erkunden, erforschen und meinen Gedanken freien Lauf lassen, alles fließt ineinander.“ Diese Magie überträgt sich dabei direkt auch auf die Betrachter.

Einmal mehr fällt auch in der neunten Ausgabe von „Your Daily Male“ die Vielfältigkeit der Arbeiten auf, die ganz eindeutig belegen: Schwule Kunst kennt keine Grenzen. Umso mehr lohnt sich ein genauer Blick. Umso mehr lohnt sich eine größere Sichtbarkeit. Peter Kooji zeigt uns so beispielsweise auf, wie wir inzwischen immer öfter selbst Opfer unserer digitalen Dating-Welt werden, die Gesichter vom Schein unserer Smartphones erhellt, aber voneinander abgewandt, umgeben vom schwarzen Nichts. Dan Simoneau will uns vielleicht fragen, ob wir nicht selbst ein Stück weit unsere Begierden in Ketten legen, während wir auf den tätowierten Mann in Leder-Outfit mit Nieten und einer schweren Metallkette um seinen Hals blicken. Welche Ketten tragen wir vielleicht mit uns herum – und warum? Ein wenig mag hier vielleicht die altbekannte Weihnachtsgeschichte von Ebenezer Scrooge aufschimmern.

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Boys, die uns um den Verstand bringen

Jude Ribisi zeigt uns derweil mit seinen schwarz-weißen Fotografien, wie einfach und einfach schön so ein Morgen mit einem nackten, natürlich lachenden Mann ist, während wir beim ersten Kaffee zusammensitzen und vielleicht über die Erlebnisse der letzten Stunden sinnieren. Natürlich kommen auch die Twinks und Jünglinge nicht zu kurz, die Sehnsuchtsprojektionen so vieler schwuler Männer – sei es nun als Narziss, der sich im Spiegel bei David van de Linden selbst betrachtet, während dann kurz darauf sein Blick zu uns gerichtet ist, einfach vielleicht, weil er es liebt, geliebt, ja, angebetet zu werden. Oder auch wie bei Reb Daza – er setzt dem jungen Liebhaber Pablo direkt die juwelenbesetzte Krone auf, während uns ein zweiter Boy namens River zeigt, wie lasziv uns das Spiel mit Daumen und Lippen bereits um den Verstand bringen kann.

Meister der klassischen und noch immer besonders erotischen, weil besonders detaillierten Zeichenkunst sind Maler wie Peter Schauwecker, der morgens einen nackten Boy schlafend auf den Bettlacken mit angezogenem Bein präsentiert. Ebenso lustvoll wandern unsere Augen auch über den schlafenden Jungen in Teun van Staverens Gemälde. Und mit Jaap van Eks blaugetünchten Werken wünschen wir uns den Sommer zurück, als die Jungen scheinbar gedankenlos am See lagen und wir sie heimlich lüstern beobachten durften. Echte Männlichkeit zeigt dann unter anderem Ivan Bubentcov mit einem schwarzhaarigen Kerl, der zufrieden nach dem Sex eine Zigarette genießt. Genau jene Bilder und Arbeiten faszinieren oftmals am meisten, indem sie uns dazu auffordern, uns unsere eigene Geschichte dazu auszudenken. Ein Paradebeispiel ist dabei auch Benno Thoma, der mit unscharfer Linse junge nackte Kubaner fotografiert hat. Erst dadurch scheinen wir die schwirrende Hitze ganz direkt zu spüren, die nicht nur von dem Land in der Karibik, sondern auch von dem wohlgeformten Adonis ausgeht. Was wohl direkt nach dem Fotoshooting passiert sein mag?

Direkter wird da gerne Hannes Steinert, der Stuttgarter Künstler entführt uns in die Hitze der Nacht, in der ein nackter Jungspund durch die offenen Fenster im Haus gegenüber späht und den Vergnügungen anderer Männer zusieht. Unversehens werden wir zum Voyeur und haben unsere hellste Freude daran. Die schwule Kunstszene ist bunt und vielfältig, weswegen auch RD Riccoboni seine bärigen Kerle direkt im bunten Blumenoutfit präsentiert. Am Ende zeigt sich dabei, dass schwule Kunst es nicht nur wert ist, mehr gesehen, mehr erlebt zu werden, sondern dass es auch für uns als schwule Männer wichtig ist, unsere Leben in der Kunst wiederzufinden – es ist unser Bestreben nach Ewigkeit (ms).

Your Daily Male 2024
www.yourdailymale.nl   

Redaktionhttps://him-magazine.de
Wir verstehen uns als ein ehrliches, sexpositives Magazin, das nicht fremdbestimmt Themen vorgibt, sondern mit der Community zusammen Themen anspricht.

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