IM FOKUS – DAS LESBISCH-SCHWULE STADTFEST

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„Eine Interessenvertretung nur für schwule Männer? So etwas habe ich lang nicht mehr gelesen.“

Das Lesbisch-Schwule Stadtfest in Berlin gibt es seit 1993 einmal jährlich im Sommer; kurz vor dem CSD in der Regenbogenhauptstadt kommt die Community zusammen, feiert und diskutiert und hat für sich mitten im Nollendorfkiez eine Instanz geschaffen, die bis heute von besonderer Wichtigkeit und Herzlichkeit ist. Mit bis zu 500.000 Besuchern jedes Jahr ist es auch bis heute das größte homosexuelle Straßenfest Europas – mittendrin in diesem Jahr war zum ersten Mal die Organisation Just Gay, die seit Jahresbeginn neue Interessenvertretung speziell für schwule Männer. Chef Florian Greller berichtet über den ersten öffentlichen Auftritt des neuen Vereins. 

Eine Reise in die Regenbogenhauptstadt

Berlin. Mit einem Gefühl des Unbehagens machten wir uns auf den Weg nach Berlin. Unser Ziel war das Lesbisch-Schwule Straßenfest in Schöneberg mit unserem eigenen Stand. Es sollte gleichzeitig unser erster öffentlicher Auftritt sein und ein Testfall, wie Just Gay von der Regenbogengemeinde aufgenommen wird. Zwar standen wir dann ein wenig abseits, aber das tat der Freude keinen Abbruch, wie sich alsbald herausstellen sollte. Es kam zu vielen Gesprächen mit Besucherinnen und Besuchern sowie Repräsentanten von queeren Organisationen; sogar der Regierende Bürgermeister von Berlin, Kai Wegner,  besuchte unseren Stand für ein kurzes Gespräch. Unser Fazit ist daher durchweg positiv. Abgesehen von ein paar mürrischen Blicken und Erstaunen über unseren Flyer, gab es von Anfang bis zum Ende unserer Teilnahme nicht einen Vorfall, der uns Sorgen bereitet hätte. Blicken wir also ein wenig ins Detail.

Nach dem Aufbau zeigte sich ziemlich schnell, dass unsere Sorgen unbegründet gewesen waren. Ein Standteilnehmer in der Nachbarschaft kam zu uns herüber, als er unser Just Gay-Schild sah und dankte für die Arbeit. Diese sei wichtig und richtig und es sei sehr gut, dass wir uns hier präsentieren und in den Dialog gehen würden. Zwar sei er nicht mit allem unserer Meinung, aber, das gilt es eben auszuhalten. Hinter vorgehaltener Hand würden uns viele Recht geben. Leider sei die Stimmung noch zu toxisch, damit auch andere sich offenbaren können, aber es sei wohl nur noch eine Frage der Zeit, bis dies geschehe. Just Gay sei der Vorreiter und unser Mut und die Standhaftigkeit sei Anerkennenswert. Viele Flyer wurden mitgenommen und unser Baseballcap mit dem Wortspiel „Respect Our Sex“ entwickelte sich zum Straßenfest-Renner. Viele Besucher warfen uns auch ein Augenzwinkern zu und einige Twitter-User schrieben später zudem, wie sehr es sie gefreut habe, uns zu sehen sowie die Tatsache, dass wir mit einem eigenen Stand vertreten waren.

Gibt es noch die Bezeichnung „schwul“?

Ein Gast stand eine Zeit lang ungläubig an unserem Stand, betrachtete unseren Flyer und zeigte sich erstaunt, dass es neben den queeren Anbietern nun auch einen Stand gäbe, der explizit für schwule Männer ins Leben gerufen wurde. „Eine Interessenvertretung nur für schwule Männer? So etwas habe ich lang nicht mehr gelesen“, so seine Worte. Nach seiner Aussage sind die Wörter „Gay“ und „Schwul“ nicht mehr geläufig, weil alles unter dem Oberbegriff „Queer“ zusammengefasst wird. Er sieht und definiert sich selbst aber nicht als queer und freuet sich daher, dass es jetzt Just Gay gibt. Ein paar Stände vorher hatte er offenbar auch einen freundlichen Austausch genau über diese Frage. Warum werden schwule Männer als queer bezeichnet und definiert, wenn sie sich selbst als gay oder schwul titulieren? Enttäuscht hätte ihn vor allem, dass bei allen angebotenen Buttons auf dem Straßenfest nicht einer mit dem Wort „Gay“ zur Verfügung stand.  

Ein Besucher rührte mich später dann noch fast zu Tränen mit einem sehr herzlichen Feedback und seiner großen Freude darüber, dass es uns gibt. Er ermunterte uns, weiter aktiv zu bleiben und schwulen Männern eine Anlaufstelle zu geben, nachdem andere langjährige Organisationen uns aus den Augen verloren hätten. Weiterhin merkte er an, dass es Just Gay national und international geschafft habe, als Stimme wahrgenommen zu werden. Ein anderer Besucher merkte an, dass wir so weitermachen sollten wie bisher. Er schätzte unseren ruhigen und sachlichen Umgang mit den kontroversen Themen. Ein Dauerthema war neben dem grundsätzlichen Sinn von Just Gay und der Frage, warum wir exklusiv sind, auch die Debatte darüber, was derzeit aus Sicht von nicht gerade wenigen, schwulen Männern passiert: Verlust von Schutzräumen, ein Rollback unserer Rechte, eine neue  Definition von Homosexualität und die Erwartungshaltung von einem Teil der queeren Bewegung, alles immerzu widerspruchslos mittragen zu müssen.

Dabei kam es nicht nur zu Gesprächen unter schwulen Männern, auch ein heterosexueller Mann mit Frau traten an den Stand heran – bereits zuvor hatte es in den sozialen Netzwerken lange Gespräche gegeben. Und es zeigte auch, dass sich auch mit unterschiedlicher sexueller Orientierung mit demokratischen Mitteln für die Rechte von Frauen, Homosexuellen und für die Meinungsfreiheit kämpfen lässt. Dabei wurde eines zudem klar – der Unterschied zwischen der realen Welt und der digitalen. Twitter ist elementar für uns als Sprachrohr. Dennoch zeigt sich gegenüber der realen Welt ein deutlicher Unterschied:  Während online schnell moralische Verurteilungen geäußert werden und insbesondere anonyme Accounts beleidigend agieren, zeigt sich in der realen Welt zumindest für uns eine völlig andere und respektvolle Debattenkultur. Dialog ist möglich auch bei unterschiedlichen Ansichten. Streit gehört dazu und entsteht insbesondere dann, wenn vollkommen konträre Positionen aufeinandertreffen und die Frage sich stellt, wie wir damit umgehen und andere mit uns. Aber es bleibt selbst dann deutlich mehr Respekt vorhanden, wenn man sich dabei direkt in die Augen blickt. Ja, Just Gay vertritt innerhalb des Regenbogens kontroverse Positionen. Wichtiger ist aber, was uns eint und nicht was uns trennt.

Wir werden uns im Jahr 2024 wieder für das Lesbisch-Schwule Straßenfest anmelden und hoffen auf eine erfolgreiche Wiederholung. Diesmal aber dann mit einer Kiste Baseballcaps und Buttons, versprochen! Statt einem mulmigen Gefühl werden wir im nächsten Jahr zudem mit viel Vorfreude auf die zwei Tage anreisen. Gerne nehmen wir auch an einem CSD oder einer Parade  teil und sehen, was passiert. Auch Tage nach unserem Event erreichen Just Gay noch immer Emails mit positiven Feedbacks über unsere Teilnahme sowie auch großer Anklang auf Twitter. Auch von einem befreundeten Trans-Mann kommt ein großes Dankeschön.

Wir sind Teil des Regenbogens und haben das Recht, eine eigenständige Vertretung für schwule Männer auf der Grundlage des biologischen Geschlechts zu sein. Ein Ausschluss von Just Gay ist unnötig und zudem kontraproduktiv, trotz mancher Meinungsverschiedenheiten. Wir müssen gemeinsam zusammenstehen gegen einen Kampf, der niemals aufhören wird. Der Kampf gegen Rechtsradikale und Extremismus, egal aus welcher Richtung er kommt. Den eines vereint sie gegen uns, das ist der Hass und die Abneigung gegenüber Menschen des Regenbogens. Es gilt gemeinsam zusammenzustehen gegen Ausgrenzung und Diskriminierung, auch innerhalb des Regenbogens. „Gay and Sex“ und „Queer and Gender“ müssen sich nicht zwangsläufig ausschließen, sofern der gegenseitige Respekt vorhanden ist und der Wille für ein gemeinsames Miteinander. Das ist oft nicht einfach und die Umsetzung erfordert Toleranz von uns allen. Das Lesbisch-Schwule Straßenfest hat gezeigt, dass das möglich ist. Vielen Dank! (fg)

Redaktionhttps://him-magazine.de
Wir verstehen uns als ein ehrliches, sexpositives Magazin, das nicht fremdbestimmt Themen vorgibt, sondern mit der Community zusammen Themen anspricht.

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