COMEBACK DER AFFENPOCKEN?

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Neue Fälle in Deutschland – wie groß ist die Gefahr?

Ein gutes halbes Jahr hat es in Deutschland keine neuen Fälle von Affenpocken (Mpox) gegeben, jetzt sind in Berlin drei neue Fälle einer Mpox-Infektion verzeichnet worden – genau davor hatten unter anderem die Deutsche Aidshilfe (DAH) aber auch das Robert-Koch-Institut (RKI) seit Monaten immer wieder gewarnt. Erwartet uns jetzt also wie im letzten Jahr erneut eine Affenpocken-Welle?

Als im Mai 2022 Mpox zunächst in London ausbrach, verbreitete sich die Virus-Infektion binnen kürzester Zeit in der schwulen Community Europas – am stärksten betroffen waren neben Großbritannien unter anderem vor allem Deutschland und Spanien. In der Bundesrepublik wurden im vergangenen Jahr offiziell 3.700 Fälle registriert, Experten gehen davon aus, dass es eine hohe Anzahl von Erkrankungen gibt, die aus Scham oder Angst der Betroffenen gar nicht erst gemeldet worden sind. Weltweit kam es zu rund 90.000 Fällen, etwa 150 Menschen meist mit geschwächtem Immunsystem, beispielsweise aufgrund von HIV, starben an den Folgen einer Mpox-Infektion. Gerade für Menschen mit HIV ist die Gefahr eines schweren bis lebensgefährlichen Verlaufs deutlich größer, wie im Frühjahr dieses Jahres eine britische Studie belegte. Die Sterblichkeitsrate liegt bei Menschen mit HIV mit niedrigen CD4-Zahlen (Diagnose AIDS)  bei 15 Prozent, das Virus zeige „verheerende Auswirkungen“. Und weiter: „Die Daten sind für Menschen mit fortgeschrittenem HIV erschreckend. Es ist wirklich erschütternd!“, so Dr. Chloe Orkin, Expertin für Infektionskrankheiten an der Queen Mary Universität in London gegenüber NBC News. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation WHO befeuerten vor allem auch mehrere sexpositive Events die Verbreitung der Affenpocken, weswegen die Organisation vor einem erneuten Ausbruch während der Festival- und Pride-Saison 2023 gewarnt hatte. Bis auf einzelne Fälle blieb Europa vom großen zweiten Ausbruch bisher glücklicherweise verschont.

Grundsätzlich können die Affenpocken alle Menschen befallen, bei der Pandemie im vergangenen Jahr erkrankten aber fast ausschließlich schwule und bisexuelle Männer, die sich durch sexuelle Kontakte infiziert hatten (MSM). Die Deutsche Aidshilfe erklärte, das Virus sei „gekommen, um zu bleiben“ und rief die Gay-Community dazu auf, falls noch nicht geschehen, sich dringend noch impfen zu lassen. Für den bestmöglichen Schutz ist eine zweifache Impfung im Abstand von mindestens vier Wochen nötig. Gerade für die schwule Szene in Berlin sei dies besonders ratsam, rund die Hälfe aller Fälle im Jahr 2022 in Deutschland wurden in der Regenbogenhauptstadt registriert.

Die Krankheit ist dabei hoch infektiös und kann bereits durch gemeinsam gebrauchtes Sexspielzeug wie beispielsweise Dildos übertragen werden. In den meisten Fällen kommt es dann zu Bläschen auf der Haut, sehr oft im Genitalbereich, die jucken und massive Schmerzen verursachen können. Mehr als jeder zehnte Betroffene musste im vergangenen Jahr aufgrund von zu großer Schmerzen im Krankenhaus behandelt werden. Ein Comeback der Affenpocken im Herbst dieses Jahres kann sich also wirklich niemand wünschen. Doch wie hoch ist die Gefahr wirklich? Das HIM MAGAZINE fragte nach bei Holger Wicht von der Deutschen Aidshilfe.

Holger, nach rund sechs Monaten Verschnaufpause sind jetzt erstmals in Deutschland wieder neue Fälle von Mpox aufgetreten. Befürchtet die DAH eine neue Welle von Affenpocken-Infektionen?

Die neuen Fälle zeigen, dass es immer wieder zu Infektionen kommen kann. Auch neue Ausbrüche sind möglich, aber sehr wahrscheinlich nicht in dem Ausmaß, wie wir es letztes Jahr erlebt haben. Viele schwule Männer mit Mpox-Risiko sind mittlerweile geimpft oder waren schon infiziert – das verhindert Infektionen und schützt vor schweren Verläufen.

Fast alle Personen, die sich bis heute gegen Mpox in Deutschland geimpft haben lassen, waren schwule Männer. Hat die Gay-Community hier vorbildlich reagiert oder gibt es Nachholbedarf?

Die schwule Community war mit dem Mpox-Ausbruch herausgefordert und hat sehr kraftvoll reagiert. Schwule und bisexuelle Männern haben viel dazu beigetragen, dass der Ausbruch relativ schnell vorbei war. Viele Männer haben sich impfen lassen. Wir empfehlen bei wechselnden Partnern weiterhin die Impfung – sie ist einfach der beste Schutz vor Infektionen beziehungsweise schweren und schmerzhaften Verläufen der Erkrankung.  Für diejenigen, die noch nicht geimpft sind, ist jetzt ein guter Zeitpunkt dafür: Impfstoff ist vorhanden, und sollten die Infektionszahlen irgendwann wieder hochgehen, besteht bis dahin Impfschutz. Wir empfehlen übrigens Männern, die Sex mit Männern haben, auch die Impfung gegen Hepatitis A und B. Am besten gleich zusammen erledigen.

Nach Angaben des Landesamtes für Gesundheit in Berlin waren unter den drei aktuell Betroffenen eine Person, die vollständig gegen Mpox geimpft war, und eine zweite, die eine Dosis bereits erhalten hat. Wie bewertest Du das?

Wir haben immer gewusst und gesagt, dass die Impfung Mpox-Infektionen nicht völlig unmöglich macht. Viele Infektionen verhindert sie, in anderen Fällen schützt sie vor äußerst schmerzhaften und gefährlichen Verläufen. Das gilt weiterhin und ist sehr viel wert!

Würdest Du sexuell aktiven schwulen und bisexuellen Männern daher raten, auch mit Impfung gewisse Schutzmaßnahmen zu ergreifen, beispielsweise Kondome? Mal gänzlich ausgenommen von der grundsätzlichen Sinnhaftigkeit solcher Maßnahmen mit Blick auf Geschlechtskrankheiten im Generellen.

Jeder Mensch kann und muss selbst entscheiden, was er zu seinem Schutz tun möchte und was er dafür gegebenenfalls in Kauf nimmt. Wir betrachten Mpox als eine neue sexuell übertragene Infektion, wobei es im Moment in Deutschland nur sehr wenige Infektionen gibt. Die Impfung hat eine hohe Schutzwirkung und ist bei wechselnden Partnern aus unserer Sicht empfehlenswert. Das Risiko einer Infektion mit schwerem Verlauf ist für Geimpfte zurzeit äußerst gering. Insbesondere Ungeimpfte können mit Kondomen prinzipiell die Wahrscheinlichkeit sehr schmerzhafter Symptome im Genital- und Analbereich verringern. Wer beide Maßnahmen kombinieren möchte – vielleicht auch mit Blick auf andere Geschlechtskrankheiten – kann das natürlich tun. Andere möchten vielleicht keine Kondome verwenden. Beides ist völlig legitim, eine Empfehlung sprechen wir nicht aus. Es ist aus unserer Sicht wichtig, auf die neuen Fälle nicht mit zu großer Sorge oder sogar mit moralischem Druck zu reagieren. Im Moment gibt es keine Anzeichen für einen neuen Ausbruch größeren Ausmaßes in Deutschland. Schwule Männer sollten sich von Mpox nicht den Spaß am Sex verderben lassen. Dazu besteht im Moment zum Glück auch kein Anlass!

Holger, vielen Dank Dir fürs Gespräch! (ms)

Redaktionhttps://him-magazine.de
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