SEX – ABER RICHTIG!

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Sex neu und positiv betrachten, wie gelingt uns das?

Sex – wir alle lieben ihn und viele von uns können davon gar nicht genug bekommen. Gerade unter schwulen Jungs reichen oftmals ein paar einzelne Worte – digital oder ganz direkt – aus, bevor es sofort zur Sache geht. Dann ist der Fall klar und freudig widmen wir uns der schönsten Nebensache der Welt. Oder vielleicht doch nicht? Vielleicht ist nicht alles immer so klar, sondern wir gehen einfach wie selbstverständlich davon aus? Joris Kern wollte es genauer wissen und fragte nach, wie Sex richtig gut funktionieren kann und was es dazu braucht!

Ein wichtiger Aspekt im Buch „Sex, aber richtig“ ist demnach das Ziel, dass Sex nicht zu einem Automatismus verkommt, im schlimmsten Fall sich gar wie eine Form von Pflichterfüllung anfühlt, sondern wieder etwas richtig Großartiges wird. „Was ich vermisse, ist ein größerer Wurf für eine neue, an Einvernehmlichkeit ausgerichtete sexuelle Kultur. Wie kann Sexualität etwas grundsätzlich Positives sein, wie sieht ein für alle Beteiligten selbstbestimmtes sexuelles Miteinander aus und wie kann man das und die nötigen Fähigkeiten dafür vermitteln und lernen?“, so Kern. Im neuen Buch des Querverlages geht es demnach auch um das eingestaubt wirkende Wörtchen Konsens. Wir alle erinnern uns noch an die metoo-Debatten, deren inhaltliche Forderungen noch immer präsent sind. Sex ist heutzutage nur noch dann okay, wenn alle Parteien eindeutig zustimmen. Klingt einfach, doch bei all den Diskussionen wurden schwule Realitäten zumeist außer Acht gelassen – denn wir ticken irgendwie dann doch ein wenig anders als die meisten Heterosexuellen.

Sex muss wieder mehr positiv und lustvoll werden

Kern wünscht sich dabei den sogenannten „enthusiastic consent“, also keine einfach Zustimmung, sondern die simple Tatsache, dass alle Beteiligten mit Begeisterung dabei sind und nicht nur irgendwie halt mal mitmachen – wir kennen solche Jungs auch bis heute aus der schwulen Community. „Mein Vorschlag ist: Hin zu Konsensualität, einer Haltung, einem Miteinander, einer Kultur, die anfängt, Sex als etwas Positives, Lustvolles, Gemeinsames und selbstverständlich Einvernehmliches zu begreifen. Und obwohl es wie eine Wortklauberei wirkt, glaube ich, dass uns deswegen hierbei mit den Begriffen konsensuelle Sexualität beziehungsweise konsensueller Sex besser gedient ist als mit dem Begriff sexueller Konsens. Ein Konsens ist immer eine konkrete Entscheidung, auf die dann eine nächste konkrete Entscheidung folgen kann. Konsensueller Sex ist Sex, bei dem Einvernehmlichkeit das wichtigste Kriterium ist und wir aktiv dabei sind, Freiwilligkeit auf verschiedenen Ebenen zu fördern und zu stärken. Hierbei sind alle Beteiligten gefordert und verantwortlich und es geht um Lust und um Genuss, nicht um Vermeidung von Katastrophen.“

Das klingt nicht nur nach viel Spaß und Freiheit, sondern dabei auch noch clever und sinnvoll. In den Debatten um jenen Konsens wird dabei immer wieder auch die Frage aufgeworfen, ob ein solcher tatsächlich überhaupt nur noch dann funktionieren kann, wenn es kein Hierarchiegefälle mehr gibt, also nicht beispielsweise der Chef Sex mit dem Praktikanten haben will. Ein netter Gedanke, ein „Schuss vor den Bug von Menschen mit Privilegien“, der allerdings schnell nach hinten losgeht, weil er genau jenen Menschen mit Diskriminierungserfahrungen abspricht, zu sich selbst stehen zu können. Beim geforderten konsensuellen Sex geht es dabei um ein grundsätzlich sexpositives Konzept – etwas, das auch heute noch vielen schwulen Jungs schwierig fallen kann. Nicht gerade wenige von ihnen haben zwar Sex, sind aber immer noch unterbewusst voll mit Scham und Minderwertigkeitsgefühlen. Sex gehört irgendwie noch immer in die Schmuddelecke, oder?

Wie bezeichnest du selbst deinen Schwanz?

Oder anders gefragt: Wie nennst du deinen Schwanz? Bekommt er niedliche Kosenamen („Pillermann“) oder wird er kurz einfach nur Penis genannt? Oder fehlen dir gar ganz die Worte, wenn es online oder von Angesicht zu Angesicht zur Sache geht? Wenn wir wirklich lernen wollen, welche sexuellen und körperlichen Bedürfnisse wir haben und welche sich vielleicht unser Gegenüber wünscht, müssen wir uns frei machen von diesen Negativ-Gefühlen in unseren Köpfen. Wir müssen dabei „obszöne“ Worte mit Stolz benutzen und generell kreativ mit Worten rund um unsere Sexualität umgehen. Kurzum, wir können uns mit existierenden Wörtern anfreunden, veraltete wiederbeleben, Bedeutungen neu interpretieren oder auch Wörter aus anderen Sprachen übernehmen („Suck My Cock!“). Wichtig dabei ist, dass wir diese Wörter öfter benutzen und sie uns so wieder zu eigen machen. Übrigens ist es dabei zudem hilfreich, Sex-Wörter generell positiv zu besetzen, nehmen wir beispielsweise den Begriff „ficken“. Wenn wir das Wort gleichzeitig immer wieder negativ benutzen („Der verfickte Idiot…“ oder auch „Was für ein verfickt beschissener Tag!“), wie soll daraus dann etwas entstehen, dass unsere Sexualität befreit und stärkt?

Gelingt uns das, fangen wir auch an, anders auf Sex zu blicken, jenseits der Scham: „Sex ist nicht der Feind. Sex ist auch kein Automatismus und kein Druckmittel, sondern freie Entscheidung. Das Gegenüber ist in dieser Haltung weder Selbstbedienungstheke noch Gefahr, sondern jemand, mit dem man eine sexuelle Begegnung gemeinsam so gestaltet, dass sie für
alle Beteiligten möglichst schön ist.“ Zudem wichtig dabei ist laut Kern auch, dass wir uns befreien dem Gedanken, dass Sex immer nur dann gut ist, wenn eben alles funktioniert, also wir Sex banal gesagt auf Dinge wie Techniken, Attraktivität oder Kompatibilität zurückreduzieren. Dabei kann Sex doch so viel mehr! Sex und die damit verbundene Konsensualität sollten eher als ein „work in progress“ verstanden werden, also ein Prozess mit unendlichen Lernmöglichkeiten, die unseren Horizont erweitert.

Lernen von der Fetisch-Community

Der Konsens ist dabei schon seit langem vor allem auch im Bereich BDSM und Fetisch gerade in der schwulen Community ein Begriff. Hier gehören klare Vereinbarungen, ausführliche Gespräche und Praktiken, die in safe, sane and consensual oder auch risk aware consensual kink eingeteilt werden, zum festen Bestandteil. Auch Menschen, die keinen Drang zum BDSM verspüren, können so trotzdem noch viel lernen. Gerade im non-verbalen Bereich gibt es so im BDSM Safe Words oder auch das klassische Ampelsystem (Rot, Gelb, Grün), also Praktiken, die gut gehen, okay sind oder ein Tabu darstellen. Und selbst hier gibt es noch einmal Unterkategorien – ein weites Feld der Möglichkeiten, das sich in die eigene Sexualität gut einbauen lässt. Trotzdem ist klar: „Es ist wichtig, immer wieder darauf hinzuweisen, dass es nicht ausreicht, sich auf non-verbale Kommunikation zu verlassen, weil dort so viel Spielraum für Missverständnisse und Unsicherheit ist, dass in den Grauzonen leicht Unfälle passieren. Gleichzeitig ist non-verbale Kommunikation eine Ebene, ohne die sexuelle Kommunikation nicht funktioniert.“ Im Zweifelsfall hilft also erneut die gute alte verbale Kommunikation – einfach fragen, Jungs!

 

Einzig wichtig der Orgasmus! Wirklich?

Apropos Reden – auch über den Orgasmus ist für Kern das letzte Wort noch nicht gesprochen, denn so sehr wir unsere Höhepunkte samt Cumshot lieben, so sehr degradieren wir oftmals alles davor je nach Männertyp zu einer eben irgendwie nötigen Vorphase. Falsch, sagt Kern, denn die Lust selbst wird so leicht zu etwas, das es gilt, loszuwerden. Anders gefragt: Wenn es wirklich nur auf den Orgasmus ankommen würde, warum haben wir dann überhaupt mit anderen Männern Sex? Dafür würde es auch reichen, selbst Hand anzulegen, oder?

Und was braucht es noch für richtig guten Sex? Kern fordert „radikal realistische Erwartungen“ und dabei die Neuentdeckung von Genuss. Klingt einfach, ist es aber oftmals nicht, dabei steht eines definitiv fest: Wenn ich selbst die Sache nicht genießen kann, wie soll ein anderer Kerl es jemals schaffen, mir Genuss zu bereiten? „Sex weniger als Performance und mehr als improvisiertes gemeinsames Experiment zu betrachten, kann viel Stress aus der Situation herausnehmen und zu mehr Kontakt und mehr Leichtigkeit führen.“

Die animalische Lust

Und damit wären wir bei unserer animalischen Lust angekommen – wie geht es dir denn damit? „Je mehr wir unsere animalischen Anteile aus dem Alltagsleben verbannen, desto größer ist das Bedürfnis, sie woanders ungehemmt und eventuell sogar rücksichtslos auszuleben. Mehr Sinnlichkeit, Körper und ´Triebgesteuertheit´ – also das Folgen von Impulsen und Erlauben von Sinnlichkeit im Alltag – kann so dazu führen, die sexuelle Identität weniger von der Alltagsidentität abspalten zu müssen und sich insgesamt vollständiger zu fühlen. Das ´Animalische´ muss zudem nicht zwangsläufig raubtierhaft sein. Ekstatische Erlebnisse beim Sex haben nicht nur mit Kontrollverlust oder Kontrollabgabe zu tun, sondern auch mit Empathie, Sinnlichkeit, Verletzlichkeit, Hingabe und Vertrauen, welches allesamt Eigenschaften sind, die wir auch bei Tieren finden.“

„Ekstatische Erlebnisse beim Sex haben nicht nur mit Kontrollverlust oder Kontrollabgabe zu tun, sondern auch mit Empathie, Sinnlichkeit, Verletzlichkeit, Hingabe und Vertrauen.“

Gefährlich wird es erst dann, wenn Sex immer mehr zu einer Art von Ersatzhandlung verkommt, bei der es nur noch darum geht, irgendwie Gefühle wie emotionale Nähe oder Vertrautheit aufzubauen oder immerzu dem eigenen „Marktwert“ nachzuspüren – dann wird Sex überfrachtet. „Es entsteht eine Abhängigkeit davon, dass die andere Person und der Sex das alles erfüllen, und es erzeugt Angst davor, Zugang zu der Erfüllung dieser Bedürfnisse zu verlieren, wenn es keinen Sex gibt. So passiert es leicht, dass Menschen Sex haben, nicht, weil sie Sex wollen, sondern weil sie nicht wissen, wie sie diese wichtigen Bedürfnisse anders erfüllen können. Verlustangst und Abhängigkeitsgefühl erzeugen Unfreiheit und machen es schwer, klar und selbstbestimmt zu verhandeln und zu fühlen, was man möchte.“ Und damit sind wir wieder beim Konsens angekommen, gerade auch mit uns selbst.

Mein Körper gehört mir – und was machst du jetzt damit?

Kern will mit „Sex, aber richtig“ zuletzt auch altbackene Ideologien vom Staub der Zeit befreien, beispielsweise Klassiker wie „Mein Körper gehört mir!“. Das ist auch heute noch goldrichtig, dabei dient der Satz zumeist aber nur einer Form von Prävention, um das Recht auf körperliche Grenzen klarzumachen, gerade auch Jugendlichen. Was dabei zumeist ganz auf der Strecke bleibt, ist die Erkenntnis, dass man nicht nur Nein, sondern gleichzeitig auch Ja sagen darf – Ja dazu, eigene Erfahrungen machen zu dürfen.

„Ich darf, so oft ich will, und mit wem ich will und genau so wie ich will Sex haben, solange alle Beteiligten einverstanden und einwilligungsfähig sind. Niemand darf mir vorschreiben, mit wem ich einvernehmlichen Sex haben darf und welcher Sex akzeptabel oder gut ist. Ich bin kein schlechter Mensch, wenn ich Sex möchte, den mein Partner nicht machen will, ich bin kein böser Mensch, wenn ich mehr oder weniger Sex will als andere. Ich bin auch nicht
gemein, wenn ich mit anderen Menschen als meiner festen Beziehung Sex will oder mitten im Sex aufhören möchte. Ich darf das wollen, ich darf das tun, ich darf mit meinem Körper machen, was ich will. Mein Körper gehört mir!“, so Kern abschließend. Selten fand sich in einem schmalen Büchlein mehr positive Erkenntnis und dazu spannendes Hintergrundwissen, welches zum Nachdenken anregt, rund um die Frage, wie Sex, aber richtig, gelingen kann. (ms)


Joris Kern: „Sex, aber richtig“

176 Seiten, 18 Euro

Mehr unter: querverlag.de

Redaktionhttps://him-magazine.de
Wir verstehen uns als ein ehrliches, sexpositives Magazin, das nicht fremdbestimmt Themen vorgibt, sondern mit der Community zusammen Themen anspricht.

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