Schweizer Gay-Community im Fokus: Freundschaft, Offene Beziehungen und Pure Lebensfreude

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FREUNDSCHAFT

Freundschaft ist für die Schweizer Schwulen das Allerwichtigste. Die große Mehrheit gab an, dass sie sich bei Lebenskrisen und Problemen mindestens an eine Person wenden können (90%). Bei diesen wichtigen Freunden fühlen sie sich aufgehoben und ausreichend geschützt und unterstützt (85%). Insgesamt 85 Prozent der Gays haben dabei mehr als eine Person, der sie so bedingungslos vertrauen. Tatsächlich bewerten die Schwulen Jungs ihre zentralen Freundschaften auch als enorm wichtig, nichts hat mehr Bedeutung als die besten Freunde, sagen 97 Prozent. Danach erst an zweiter Stelle kommt für 92 Prozent der eigene Partner. Schön dabei: Die enorme Bedeutung von Freundschaften teilen dabei ältere wie jüngere Homosexuelle gleichermaßen. Danach im Ranking kommt der engere Familienkreis, also die Eltern (74%) und Geschwister (70%) – das Klischee vom verstoßenen schwulen Sohn greift also oftmals gar nicht mehr. Allerdings zeigt sich ein Unterschied zwischen Schwulen in Beziehungen und Singles – Alleinstehenden fehlen hier vier Mal so häufig (12 %) ein guter Freund als Gays in Partnerschaften (3%). Das drückt so natürlich dann auch auf das Unterstützungsempfinden, fast jeder fünfte schwule Single (17%) fühlt sich nicht ausreichend aufgehoben – bei den Herren in einer Beziehung sind das nur fünf Prozent.

PURES GLÜCK

Ob diese Zahlen mit Deutschland vergleichbar sind, darf bezweifelt werden – doch gerade falls es hier signifikante Unterschiede gibt, müsste man sich langfristig die Frage stellen: Warum genau sind die Schweizer Jungs so glücklich? Denn das sind sie! Fast Dreiviertel der Befragten (72%) sind in einer Beziehung – und dabei zu 95 Prozent zufrieden bis sogar sehr zufrieden damit. Ähnlich glücklich sind allerdings auch die Singles mit ihrem Leben! Ein Drittel ist hier ebenso vollends zufrieden, weitere 20 Prozent stehen dem neutral gegenüber. Über 70 Prozent der Single-Jungs, die regelmäßig Liebhaber und Sexabenteuer haben, sind ebenso sehr happy damit.

HOMOSEXUALITÄT = FREIHEIT?

Während oftmals ältere Semester unter den Homosexuellen in ihrer Jugend das Schwulsein ab und an noch als Bürde gesehen haben – in Deutschland beispielsweise auch durch den Verbotsparagrafen 175, der bis 1994 Sex zwischen Männern unter Strafe stellte –, sieht die heutige Generation der Schwulen sehr freudig auf ihre sexuelle Orientierung. Mehr als 88 Prozent der Schweizer Schwulen sind so teilweise oder sogar ganz der Auffassung, dass ihre Sexualität deutlich freier und lebensbejahender ist als jene von Heterosexuellen. 77 Prozent von ihnen stimmt zudem der Aussage zu, dass schwule Beziehungen oftmals vielfältiger sind als die von heterosexuellen Menschen. Die frühere Furcht, sich frei von gesellschaftlichen Normen eigenständig ein Beziehungs- und Lebensmodell erarbeiten zu müssen, wird heute also endlich als tatsächliche Befreiung wahrgenommen.

SEX

Die ewige Frage: Sex ohne Liebe? Liebe ohne Sex? Auch hier mag die Antwort für heterosexuelle Paare bisweilen schwierig ausfallen, für die meisten Schwulen indes scheint die Antwort klar: Sex ohne Liebe ist kein Problem – dem stimmen 88 Prozent der Befragten zu. Spannend: Auch Liebe ohne Sex ist gut denkbar, entschieden zumindest 74 Prozent der Schwulen. Das lässt die Vermutung aufkommen, dass gerade Schwule in Langzeitbeziehungen, die vielleicht miteinander kaum oder keine Sexualität mehr ausleben, dennoch glücklich in ihrer Partnerschaft sind und sich vermutlich mit Blick auf die hohe Zahl der offenen Beziehungen ihre sexuelle Lust anderweitig befriedigen lassen. Einzig die Kombination Freundschaft und Sex ist etwas, das sich für viele Schwule nach wie vor beißt – hier können sich nur noch 30 Prozent vorstellen, dass das irgendwie funktionieren kann. Spannend auch: Klassische One-Night-Stands oder Gelegenheitssexpartner sind für jeden Dritten (33%) wichtig und gehören zum sozialen Umfeld dazu. Noch wichtiger sind sogar regelmäßige Sexpartner, die klassischen Fuck Buddys – diese bewertet die Hälfte (47%) als wichtigen sozialen Aspekt im persönlichen Leben. So verwundert es wenig, dass 44 Prozent der Gays dann im Folgeschluss auch der Auffassung sind, dass ihre Community auf Sex fixiert sei.

DIE GAY-COMMUNITY

Die Frage nach der Community und was diese tatsächlich konkret bedeutet, spaltet in Deutschland seit Monaten die Gemüter vieler schwuler Männer – und immer mehr davon sehen sich in queeren oder LGBTQ-Verbänden weniger repräsentiert als in rein schwul-lesbischen oder tatsächlich schwulen Vereinen, in Deutschland beispielsweise Just Gay. Der Trend zeichnet sich auch in der Schweiz unter den Schwulen haben, drei Viertel der Befragten (75%) fühlen sich zur schwulen Community zugehörig. Zwar können viele Schwule grundsätzlich auch noch mit der LGBTQ-Community konform gehen, allerdings ist ein besonders starkes Gefühl (57%) mehrheitlich nur gegenüber der schwulen Community festzustellen. Mit der queeren Community kann indes nur noch etwas mehr als die Hälfte (60%) überhaupt etwas anfangen, hierbei allerdings vor allem junge Homosexuelle, die nach 1990 geboren worden sind. Alle Männer 30plus hingegen tendieren besonders stark zur schwulen Community. Die Gay-Community wird hierbei als durchwegs positiv, integrativ, identitätsstiftend und als Ressource für Unterstützung und gegenseitiges Verständnis bewertet. Fast 70 Prozent der Befragten fühlen sich so auch durch ihre Community unterstützt und erleben zudem mehrheitlich genau jenes Verständnis (75%).

WAS IST WICHTIG?

Doch was konkret ist Schwulen wichtig in ihrer Community? Den Kern machen wichtige Freundschaften, Beziehungen und gemeinsame Interessen sowie Anliegen aus. Das gegenseitige Verständnis priorisiert eine starke Mehrheit von 89 Prozent der Befragten, danach kommen Freundschaften (73%), Liebesbeziehungen (62%) und Sex (58%). Weniger als die Hälfte indes verbindet mit seiner Community noch politisches Engagement (48%), eine spezielle Gay- oder LGBTQ-Organisation (38%) oder schwule Partys (32%) und Events. Die Community wird dabei aktuell als stärker und vielfältiger als früher wahrgenommen, trotzdem ist mehr als jeder Dritte (38%) der Auffassung, dass die Gay-Community noch immer diskriminiert wird. Das Thema Einsamkeit darf allerdings mit Blick auf die Community trotzdem nicht unterschätzt werden, für mehr als jeden Dritten (43%) fungiert sie so auch als große Familie oder Familienersatz und die Hälfte (48%) braucht sie als Puffer gegen die Einsamkeit.

COME TOGETHER

Bars und Clubs finden sich zwar noch immer unter den Top-4 der beliebtesten Kontaktmöglichkeiten und Treffpunkte für den sozialen Austausch bei Schwulen, allerdings nutzt sie nur noch jeder Zehnte Homosexuelle überhaupt regelmäßig. Viele davon suchen die Örtlichkeiten dabei vor allem deswegen auf, um die Lokalitäten und damit die Gay-Szene zu unterstützen. Prides sind noch für 20 Prozent wichtig, doch unangefochten auf Platz Eins steht die digitale Welt, alles rund um Grindr und Romeo. 25 Prozent der Schweizer Gays nutzen die Online-Plattformen dabei regelmäßig für soziale und sexuelle Kontakte. Reale Treffpunkte haben allerdings durchaus ihren Vorteil, denn drei Viertel fühlen sich dort freier und zwei Drittel auch sicherer. Zudem: 50 Prozent suchen hier nach wie vor nach einem Sexpartner, weitere 30 Prozent erhoffen sich sogar, hier die große Liebe zu finden. Dabei zeigt sich übrigens erneut ein Unterschied zwischen Daddys und Boys, sprich, zwischen Jung und Alt: Die blutjungen Boys zieht es vor allem in Clubs und zu den Prides, die Männer und Kerle hingegen bevorzugen ganz klar Sportverbände, Kulturgruppen und vor allem Saunen und Cruising-Treffpunkte.

BE MY DADDY?

Im Durchschnitt hegt nur knapp jeder zehnte Schwule in der Schweiz (12%) den Wunsch, tatsächlich Vater von Kindern zu werden – verständlich, so mancher Boy bedarf doch schon der vollen Aufmerksamkeit seines Daddys. Allerdings: Junge Schwule unter 20 Jahren äußerten doppelt so häufig den Wunsch, später mal Kinder großzuziehen. Rund 60 Prozent von ihnen wollen ihr Glück durch eine Adoption erreichen, jeder Dritte (35%) kann sich auch die bis heute umstrittene Leihmutterschaft vorstellen. Die große Mehrheit (rund 80%) will eine Familie allerdings nur mit dem richtigen Partner an seiner Seite – nur jeder Dritte (33%) kann sich das auch in einer sogenannten Co-Elternschaft vorstellen, also zum Beispiel in Kombination mit einem lesbischen Paar. Grundsätzlich hält eine Mehrheit von 53 Prozent die rechtliche Möglichkeit der Elternschaft für richtig und wichtig, unabhängig vom eigenen Begehren nach einer Regenbogenfamilie. By the way: Neun Prozent der Schwulen in der Schweiz sind bereits waschechte Väter, größtenteils aus früheren, teils heterosexuellen Partnerschaften (61%) sowie aus eben jenen Co-Eltern-Kombinationen (14%), durch eine Leihmutterschaft (9%) oder auch durch die Adoption (3%).

DIE EHE

Hart erkämpft mit einer Volksabstimmung und seit eineinhalb Jahren endlich Realität – seit Juli 2022 können die Schweizer Homosexuellen auch den Bund der Ehe eingehen. Konkrete Zahlen bis Ende 2023 liegen noch nicht vor, im zweiten Halbjahr 2022 gab es allerdings rund 750 neue gleichgeschlechtliche Ehen, dazu kamen 2.200 homosexuelle Paare, die ihre bisherige eingetragene Partnerschaft in eine vollwertige Ehe umwandeln haben lassen. Für 2023 geht man geschätzt von einer Steigerung auf rund 1.000 neuer Homo-Ehen aus. Bisher machen dabei die Schwulen den größeren Teil der Heiratswilligen aus. Die Umfrage von 2023 zeigt nun allerdings zudem auf, dass die gleichgeschlechtliche Ehe vor allem etwas für ältere Schwule ist: 30 Prozent der Herren ab 53 Jahren sowie 40 Prozent der Männer ab 63 Jahren sind verpartnert beziehungsweise eben verheiratet. Bei der jungen Generation, beginnend mit den Jahrgängen ab 1991 aufwärts, konnten sich nur magere vier Prozent für eine Homo-Ehe begeistern.

ZUKUNFT

Auch mit Blick auf die Zukunft zeigen sich viele Schwule in der Schweiz zuversichtlich – eine große Mehrheit der Befragten sieht die Zukunft eher optimistisch (57%) oder sogar sehr optimistisch (12%). Nur jeder Zehnte ist eher pessimistisch, wobei der Anteil bei älteren Männern (15%) höher als bei jungen Kerlen (7%) ist. Ebenso kritisch blicken sonst nur noch Gays auf dem Land in die Zukunft (14%). Die Prioritäten sind dabei klar gesetzt, die wichtigsten Punkte, die einer zukünftigen Verbesserung bedürfen, ist der Einsatz gegen Diskriminierung sowie Gewalt gegenüber Homosexuellen und im Gegenzug die Schaffung von mehr gleichen Rechten und mehr Akzeptanz in der Breite der Gesellschaft. Ähnlich wie in Deutschland befürchten auch in der Schweiz viele einen Rückgang bei den Rechten für Schwule und Lesben – zurecht, denn die Akzeptanz in der Gesellschaft ist erstmals seit vielen Jahren wieder gefallen, beispielsweise in den USA aber auch in Deutschland. Auffallend dabei ist ein befürchtete Entwicklung, die es in die Top-8 der Rankingliste geschafft hat: Viele Schwule haben inzwischen die Befürchtung, die queere LGBTQ-Community überfordere immer mehr Menschen. (jh)

Redaktionhttps://him-magazine.de
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