LOS GEHT ES MIT DEM PRIDE-SOMMER 2023!

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Ach, nebenbei gefragt, gibt es eigentlich wirklich etwas zu feiern?

Wir müssen jetzt sehr stark sein, Jungs, aber lasst euch gesagt sein, die Zeiten waren auch schon einmal zumindest gefühlt deutlich besser. Blickt man auf die Entwicklungen weltweit wie aber auch direkt in Deutschland, erleben wir, wie der Hass, die Gewalt und die Anfeindungen gegenüber Schwulen immer weiter zunimmt – dabei kommen die Angriffe sowohl von außerhalb wie auch von innerhalb der Community, wie mein Kollege Florian am Ende des Magazins passend beschreibt. Kampf an allen Fronten sozusagen und dass mitten im Pride-Monat Juni.

Was können wir tun? Zum einen kann ein Blick auf die Fakten für etwas mehr Klarheit im Kopf sorgen – und diese Daten sind wichtig, denn sie sind nicht so weit weg, wie wir uns das immer wieder gerne wünschen, nein, auch die trockenen Zahlen haben etwas mit unserem Leben zu tun. Zum anderen können wir dann, bepackt mit diesen Daten, unseren Weg hinausfinden, damit wir in diesem Jahr tatsächlich vielleicht etwas zu feiern haben auf den Paraden im Sommer, das mehr wert hat als klebriges Sperma zwischen den Zähnen. Die Fälle von Hasskriminalität gegenüber Schwulen sind zuletzt binnen eines Jahres erneut um rund 35 Prozent angestiegen. Der Großteil dieser Gewalttaten betrifft nicht nur immer noch schwule Männer – sie sind die Opfergruppe Nummer Eins nach wie vor – nein, sondern dieser Großteil liegt zudem weiter im sogenannten Dunkelfeld. Seriöse Umfragen der Europäischen Grundrechteagentur gehen davon aus, dass rund 90 Prozent aller Angriffe auf uns gar nicht erst zur Anzeige gebracht und damit erfasst werden. Rechnet man anhand dieser Ausgangslage die Datenlage um, können wir ebenso seriös geschätzt von rund 14.000 Fällen von Hasskriminalität jährlich in Deutschland rechnen, das sind mehr als 38 Angriffe jeden einzelnen Tag. Dabei zeigen die Studien beispielsweise vom Beratungsverein Maneo in Berlin zudem, dass wir auch in unseren einstmaligen Safe-Spaces und schwul-lesbischen Kiezen nicht mehr sicher sind, auch hier nimmt die Anzahl der Angriffe zu.

Die Ampel-Koalition sowie die queer-politischen Sprecher der einzelnen Parteien verurteilten kürzlich die jüngsten Daten einmal mehr und verwiesen im gleichen Atemzug auf künftig vielleicht stärkere Strafen bei der Rechtsprechung und dem landesweiten queeren Aktionsplan für mehr Akzeptanz, der selbst bestenfalls nicht vor Mitte oder Ende 2024 überhaupt eine Wirkung erzielen kann. Die Krux an der Sache ist nämlich, dass beim Großteil der Fälle die Angriffe auf Schwule spontan und impulsgesteuert erfolgten, eher selten planen und überlegen die Täter vorab und langfristig, was sie tun wollen. Der Klassiker sind Pöbeleien auf der Straße von einer Gruppe junger Männer, wenn sie einen vermeintlichen Schwulen anhand von Kleidung, Gang oder Aussehen als solchen identifiziert haben wollen. Dann wird spontan zugeschlagen, weil Homosexualität noch immer nicht ins engstirnige Weltbild einiger passt. Doch gerade solche Angriffe sind keine, die sich mit fein erarbeiteten Aktionsplänen oder einer größeren Strafandrohung minimieren lassen. Noch dazu, wo nebst Angriffen vom politisch rechten Rand auch der Migrationshintergrund von Tätern eine nicht unwichtige Rolle bei Hasskriminalität gegenüber homosexuellen Männern spielt. Doch hier sieht die Politik zumeist immer öfter weg, beispielsweise wenn sie in Berlin der Polizei verbietet, einen Migrationshintergrund von Tätern überhaupt noch in den Akten notieren zu dürfen. Das minimiert zwar wie von Zauberhand die Fallzahlen in diesem Bereich, ändert aber gar nichts an den Angriffen selbst – und auch nicht daran, dass in allen großen Städten in Deutschland, in denen es noch eine schwul-lesbische Szene gibt, Homosexuelle inzwischen gewisse Bezirke vor allem nachts meiden, die berühmten No-Go-Areas. Natürlich ist es zu einfach, die Schuld mit einem Atemzug auf Bildungsnotstand, starre bis extreme religiöse Prägungen und Gruppendynamiken unter Rechten wie einigen Migranten zu schieben. Es ist die Summe der Dinge und vieles mehr. Ein Versagen bei der Integration, zum Beispiel.

Das eine ist dabei der Zustand, wie er ist. Ein Zustand, der wieder dazu führt, dass immer weniger Schwule noch Händchen haltend durch die Innenstadt gehen, wenn nicht gerade Pride oder CSD ist. Das andere ist das politische Schweigen, ja mancherorts sogar ein Sprechverbot, indem Probleme gar nicht erst benannt werden dürfen, weil sie angeblich der Vielfalt zuwiderlaufen. Damit Vielfalt gelingen kann, braucht sie aber ein Fundament, auf dem sie stehen kann – und dieses Fundament ist unser Grundgesetz. Die simple Vereinbarung aller Menschen, es als oberste Instanz des menschlichen Miteinanders zu achten. Genau das passiert aber immer wieder nicht. Die Frage bleibt, warum?

Ich habe längere Zeit in Kanada gelebt und jedes Mal, wenn ich neuen Bekanntschaften davon erzähle, beginnen die Augen zu glühen vor Anspannung und Neugierde. Kanada, das gelobte Land für Homosexuelle, in dem nicht nur gleiche Rechte herrschen, sondern Schwule und Lesben inzwischen so selbstverständlich in der gesamten Gesellschaft angekommen sind, dass die klassischen Szeneviertel seit rund fünfzehn Jahren auseinanderfallen – schlicht, weil kein Bedarf mehr besteht, sich nur stets entlang einer Straße in der Stadt zu treffen. Schwule Bars und Clubs sind überall willkommen, genauso wie Schwule in Bars und Clubs mit einem bunt gemischten Publikum stets willkommen sind. Hasskriminalität gegenüber Homosexuellen kommt in den großen kanadischen Städten gar nicht mehr vor beziehungsweise handelt es sich dann alle paar Jahre tatsächliche um Einzelfälle, die den Namen auch verdienen. Man kann sie an einer Hand abzählen. Die Frage ist nur: Wie schafft das Kanada eigentlich? Ein Land, das die ganze Welt willkommen heißt, in der beispielsweise allein in einer Stadt wie Vancouver über fünfzig Nationen friedlich zusammenleben? Am fürwahr hohen Cannabis-Konsum allein kann es nicht liegen.

Kanada hat eine strikte Regel: Wenn du bei uns leben willst, hast du unsere Regeln zu befolgen. Machst du das nicht, schicken wir dich zurück in deine alte Heimat. Das betrifft gläubige Muslime ebenso, die meinen, es sei vollkommen in Ordnung, ihre Frauen mit Schlägen zu züchtigen, wie homophobe rechte Spinner, für die Homosexualität eine Todsünde darstellt. Natürlich lässt sich nicht alles eins-zu-eins übernehmen, aber immer wieder ertappe ich mich bei der Frage, warum diese einfache Grundregel in Deutschland nicht funktioniert. Die meisten queeren Medien spielen dieses Spiel seit geraumer Zeit auch gekonnt mit. Passiert ein Zwischenfall, ein Angriff, ein Totschlag oder Mord eines Homosexuellen oder queeren Menschen, ist das Entsetzen stets und verständlicherweise natürlich groß, bis die Nationalität des Täters bekannt wird. Ist diese nicht deutsch, wird sie gerne ganz verschwiegen oder das Thema verschwindet schnell unter einem Berg von Kleinmeldungen. Handelt es sich hingegen um einen deutschen Täter mit rechter Gesinnung, fehlt nicht viel und einzelne Redaktionen würden gerne mit Pauken und Trompeten durch die Innenstadt ziehen und rufen: Wir haben es euch ja gesagt!

Noch einmal: Rechte Gewalt ist genauso schlimm wie politisch oder religiös motivierte Taten. Die Frage ist nur, warum unsere eigenen Community-Vertreter immer öfter in dem einen Fall berechtigt auf die Missstände hinweisen und im anderen Fall so kleinlaut schweigen – vielleicht einfach nur, weil es nicht in das Bild der eigenen politischen Agenda passt, die mancherorts schon die Züge einer Sekte annimmt? Das alles ändert nichts an den Tatsachen und es ändert auch nichts daran, dass die Millionen von schwulen Männern in der Bundesrepublik zumeist um diese Zustände sehr genau wissen. Denn sie sind es, die nachts ganze Stadtviertel meiden. Sie sind es, die ihre Freunde nicht mehr küssen oder gleich die Straßenseite wechseln, wenn eine Gruppe Jugendlicher auf sie zukommt. Sie sind es, die immer öfter schweigen, weil sie von politisch zumeist links kommend nicht plötzlich als rassistisch beschimpft werden, nur weil sie tatsächliche Probleme anprangern. Sie sind es, die zweimal überlegen, bevor sie abends allein eine Unterführung begehen. Sie sind es, die selbst in ihrem schwul-lesbischen Kiez erleben, dass die Hasskommentare auf den Häuserwänden ihrer Bars, Clubs und Kneipen wieder zunehmen. Sie sind es, die in U-Bahnen und Bussen lieber etwas Unauffälliges auf dem Weg zur Arbeit tragen, um nicht angepöbelt zu werden. Sie sind es, die auf Pride-Veranstaltungen, CSDs oder Fetisch-Festivals stolz Flagge zeigen und auf dem Weg nach Hause die Utensilien wieder in die Manteltasche stecken. Sie sind es – wir sind es.

Wenn wir in diesem Jahr also tatsächlich den Pride feiern wollen, tatsächlich auch politisch etwas verändern wollen, sollten wir vielleicht damit anfangen, einzufordern, dass endlich alle Angriffe gegen uns mit gleichem neutralem Blick wahrgenommen und angegangen werden. Es darf keine Sprechverbote geben, schon gar nicht innerhalb unserer Community. Ein Aktionsplan wird da nicht reichen, genauso wenig wie verschärfte Strafgesetze. Am Ende ist es auch vollkommen gleichgültig, ob ich mit blutender Nase zur Polizei gehe, weil mich ein rechter, christlich-fundamentaler oder muslimisch-radikaler Spinner geschlagen hat. Und es macht die Sache auch nicht besser, dann einem Polizisten gegenüberzustehen, der mich aufgrund meiner Sexualität vielleicht gar nicht ernst nimmt. Die immer größer werdende Welle des Hasses und der Angriffe auf uns werden wir erst dann brechen können, wenn wir allen Tätern klarmachen, dass Gewalt gegen Homosexuelle nicht in Ordnung ist – und dass Politiker noch Vertreter der Community in keinem einzigen Fall mehr wegsehen, nur weil es politisch nicht in die Agenda passt. (ms)

Redaktionhttps://him-magazine.de
Wir verstehen uns als ein ehrliches, sexpositives Magazin, das nicht fremdbestimmt Themen vorgibt, sondern mit der Community zusammen Themen anspricht.

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