GESCHICHTE WIRD GEMACHT

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… oder doch besser frei erfunden?

Weihnachten und Neujahr stehen vor der Tür, also genau jene Jahreszeit, die vollbepackt ist mit Märchen und Geschichten, die man nur glauben kann, wenn die Prägung einer christlichen Kindheit samt verbaler Lobotomie voll durchgeschlagen hat oder natürlich, wenn man queer ist – in der queeren Welt ist immerhin alles möglich, man muss es nur fühlen. Man muss den beiden Gruppen, also den fundamentalen Hardcore-Christen und den queeren Hardcore-Aktivisten, diverse Ähnlichkeiten attestieren, die umso mehr werden, je genauer wir hinblicken.

Beiden ist in extremer Ausprägung zu eigen, dass sie die Realität wie auch die Biologie in weiten Teilen ablehnen, einfach, weil Jungfrauengeburten ebenso existieren wie weibliche Penisse und männliche Vaginen. Beide blicken auf die Welt mit selbstauferlegten Scheuklappen, die mögliche Kritiker stets ins scheinbar Unsichtbare verbannen. Beide sind felsenfest davon überzeugt, im Besitz der einzigen Wahrheit zu sein – wer ihnen nicht bedingungslos glaubt oder gar nach harten Fakten fragt, wird wahlweise als Teufelsanbeter oder Cis-Menschenhasser definiert. Beide haben zumindest teilweise eine seltsame Vorliebe für Kinder, die einen wollen sie gerne nackt betatschen, die anderen ihnen jeden Tag neue Pronomen geben und sie davon überzeugen, möglicherweise im falschen Körper geboren worden zu sein. Grundsätzlich dürften das auch die fundamentalen Gläubigen großartig finden, denn schneller ist aus einem vermeintlich schwulen Jungen noch nie ein burschikoses heterosexuelles Mädchen geworden – Halleluja. Gepriesen sei der Herr. Nein, die Herr*in natürlich. Obwohl, nein, der Begriff „Herr“ ist inzwischen ja auch viel zu cis und menschenverachtend, denken wir nur an so diskriminierende Worte wie den Bauherrn (besser Baumensch) oder die Fremdherrschaft (besser Fremdmenschenschaft). Diese Herrenfrage bleibt indes noch oft eine unbeantwortete Gretchenfrage, denn wie nur verfahren wir bei Ausdrücken wie BesucHERRitze, FäcHERRosette oder BücHERRegal? Den Blick gen Himmel fragst du dann, warum man sie nicht sehen kann. Erst wenn die geistig Wachen schlafen gehn, kann man die geschlechtsungenaue, also eher doch nicht-binäre Gött*in am Himmel sehn. Das bedeutet natürlich auch das Ende des schönen Berufs des Herrgottschnitzers. Aber was will man machen, Geschichte wird gemacht!

Das sang einst schon die deutschsprachige Rockband Fehlfarben und attestierte weiter: „Keine Atempause. Geschichte wird gemacht. Spacelabs fallen auf Inseln. Vergessen macht sich breit. Es geht voran! Es geht voran! Es geht voran!“ Anstatt den Spacelabs fallen heute eher Raketen zu Boden, in der Ukraine ebenso wie in Israel. Doch die queere Bubble positionierte sich ja zuletzt immer wieder unter dem Motto „Queers for Palestine“. Das mag man als Mensch mit Restverstand etwas, sagen wir, seltsam finden, bedenkt man, dass eben jene Queers nicht eine Stunde in den Gebieten der Palästinenser, also zum Beispiel dem Gazastreifen, überleben würden, aber wer so denkt, hat das große Ganze einfach nur nicht verstanden. Der queere Aktivist liebt die Nähe zu jenen, die ihn hassen oder auch einmal gerne direkt töten wollen. Deswegen kommt es auch zu so spannenden Überschneidungen mit christlichen Hardlinern, wenngleich das Gewaltpotenzial hier in den letzten Jahrhunderten gegenüber Homosexuellen oder eben Queers ja offenbar bedauerlicherweise nachgelassen hat. Ab und an wird noch einmal einer in Eiswasser getaucht, damit er der Sünde entsagt, und ab und zu gibt´s noch einmal einen familiären Totschlag, aber ansonsten ist ja nicht mehr viel. Was will die römisch-katholische Kirche auch dagegen ernsthaft tun? Würde sie strikt Schwule gänzlich ausschließen, wie viele Priester blieben überhaupt noch übrig, die die Messe lesen? Vielleicht wehrten sich die Bischöfe im Herbst bei der Weltsynode auch deswegen so vehement weiter dagegen, Segnungen von Homosexuellen zuzulassen. Es kommt einfach seltsam, wenn der Priester dauernd nur andere Priester segnen würde, oder?

Wo die Wahrheit schläft, kann man den Anschein erwecken.

Kühn-Görg Monika

Die Geschichte wird es zeigen. Diese Geschichte ist ja auch etwas, das in dieser Jahreszeit generell nicht Hochkonjunktur hat. Für die einen ist sie zu belastet, für die anderen einfach nur ärgerlich und nicht mehr ins politisch gewollte Bild passend. An Weihnachten dürfen die Geistlichen wieder frohlockend „Ihr Kinderlein kommet“ singen, ohne dafür schiefe Blicke zu ernten. Für die Queers ist die Geschichte indes ein besonders böses Ärgernis. Immer wieder wird so gerne versucht, die Emanzipation von Homosexuellen und der rund fünfzigjährige Kampf von Schwulen und Lesben um mehr Rechte und Gleichberechtigung umzuschreiben. Im Bundestag gedachte man so in diesem Jahr erstmals den „queeren Opfern“ der NS-Zeit und bezog sich dabei im Wesentlichen auf den berühmt-berüchtigten Paragrafen 175, der erst 1994 gänzlich abgeschafft wurde und bis dahin Sex zwischen Männern unter Strafe stellte. In der NS-Zeit wurden aufgrund dessen rund 50.000 Schwule verurteilt und in Konzentrationslager gebracht, viele überlebten das nicht. Nach 1945 fand der Paragraph noch jahrzehntelang weiter Anwendung, weitere 50.000 schwule Männer wurden verurteilt, teilweise zu hohen Haftstrafen. Und da liegt das Problem, aus Sicht der queeren Geschichtsschreiber – es waren Männer. Schwule Männer. Man möchte sagen, zumeist Cis-Männer. Es lässt sich natürlich nicht ausschließen, dass im Wahn des Nazi-Regimes auch vereinzelt Lesben dem totalitären und gewalttätigen Irrsinn zum Opfer fielen, vielleicht auch die ein oder andere vermeintliche Trans-Person, so wie einfach jeder andere Mensch, der aufmuckte oder nicht ins System passte. Gesetzlich massenhaft verfolgt wurden aber nun einmal „nur“ schwule Männer – da kommt ein „queerer Gedenktag“ also richtig gut.

Ein Einzelfall? Mitnichten, wie ein Fall aus Irland zeigt. Die queeren Vorreiter des Dublin Pride wollten in diesem Jahr über den vierzigjährigen Kampf für mehr Rechte informieren und wählten dazu ein Foto, das Schwule und Lesben bei einer der allerersten Demonstrationen zeigt. Sie tragen Plakate, auf denen Dinge zu lesen sind wie „STOP VIOLENCE AGAINST GAYS AND WOMEN“ oder auch „GET YOUR FILTHY LAWS OFF MY BODY“. Und mittig prangt gut sichtbar ein Schild, auf dem steht: „TRANS RIGHTS ARE HUMAN RIGHTS“ – offenbar bereits ein Anliegen vor rund 50 Jahren. Oder doch nicht? Schwule, Lesben und Historiker liefen in Irland Sturm, nachdem das Bild die Runde machte und schlussendlich zeigte sich, das Foto wurde manipuliert. Denn niemand forderte auf der schwul-lesbischen Demo damals Trans-Rechte ein, stattdessen stand tatsächlich auf dem Schild: „THE POLICE ARN´T ON YOUR SIDE EITHER“. Nur zum Mitschreiben: Das ist kein Fehler aus geschichtlicher Unkenntnis heraus, sondern irgendjemand hat sich bewusst hingesetzt, den eigentlichen Schriftzug entfernt und die Trans-Parole bewusst darübergeschrieben. Eine Fälschung. Die queere Community weltweit blieb trotzdem plötzlich erstaunlich ruhig. Geschichte wird gemacht – nur eben jetzt gerne ohne Schwule und Lesben. Klingt komisch? Dann fragt doch einmal in illustrer queerer Runde nach, wer maßgeblich am Ursprung aller CSDs, den Aufständen in der Schwulenbar (!) Stonewall Inn 1969 in New York beteiligt war. Ich wünsche starke Nerven beim Gespräch – das Credo seitens der queeren Bubble ist klar: Ohne Trans-Menschen gebe es gar keine schwul-lesbische Bewegung. Am Ende fügt sich zu dieser seligen Jahreszeit also alles zusammen und es wird deutlich, der Glaube hat nicht nur an Weihnachten bereits den Sieg über die Realität davongetragen. Amen. (mm)

Bilder@ Screenshot / Dublin Pride

Redaktionhttps://him-magazine.de
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