DAS HARNESS – EROTIK AUF NACKTER HAUT

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Der Versuch einer Kulturgeschichte

Sie gehören zu den beliebtesten Accessoires in der schwulen Community und ihr Anblick an einem Männerkörper heizt uns fast immer massiv ein – die Rede ist vom Harness. Doch woher kommt eigentlich der lustvolle Begleiter, der unseren Sex ein gutes Stück weit reizvoller macht?

Alles begann mit einem Harness als Teil der militärischen Ausrüstung. Er bestand aus einem Gürtel mit Hilfsriemen über den Schultern und Hüften. Ursprünglich war dieses Accessoire zur Befestigung von Schusswaffen oder Klingenwaffen gedacht. Das Wort „Harness“ stammt aus dem Altfranzösischen hernois („Ausrüstung für den Kampf“). Der Name beschreibt schon die Funktion ganz gut: Das Harness wurde geschaffen, um alle Arten von scharfen Waffen zu tragen: Vom schweren Schwert bis zum leichten Degen. Der ursprüngliche Zweck des Harness wird deutlich, wenn man die klassischen Militäruniformen der vergangenen Jahrhunderte betrachtet. Das Accessoire selbst kam jedoch lange vor der Verbreitung von Pistolen und anderen Feuerwaffen auf. Die Verflechtung von Lederriemen und Gürteln als Waffenhalterung wurde erstmals in der Antike verwendet. Jeder Krieger der damaligen Zeit trug einen Gürtel über der Schulter, der eine breite Schlaufe für die Scheide seines Schwertes bildete. Es war einfach bequem, das Schwert griffbereit mit gesenkter Spitze an der Hüfte zu tragen.

In der Antike unterschieden sich die Harnesse je nach militärischem Status. So verzierten große Feldherren und Adlige ihre Schulterriemen mit Stickereien und Edelsteinen. Einfache Soldaten von bescheidener Herkunft kamen mit einfachen, funktionellen Gürteln zur Befestigung des Schwertes aus. Später, im Mittelalter, waren Geschirre weit verbreitet, vor allem bei den Barbaren. Bei ihnen waren die Schulter- und Hüftgurte bereits miteinander verbunden. Auch die Krieger der Renaissance benutzten Harnesse. Damals wurden sie aus Leder oder einem anderen festen Material hergestellt. Diese Geschirre wurden über der Schulter getragen. Das untere Ende befand sich in der Regel auf Hüfthöhe, daran war dann ein Stück Leder befestigt, um das Schwert zu tragen.

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts wurden die Waffen in einer lackierten Lederscheide getragen. Sie wurde auch an dem Lederriemen über der rechten Schulter befestigt. Das klassische Männer-Harness aus dieser Zeit ist auf den Porträts von Militärs und Adligen zu sehen. Die Geschichte des Harness geht Hand in Hand mit den militärischen Entwicklungen der verschiedenen Epochen. So stand mit dem Aufkommen der Feuerwaffen die Notwendigkeit einer Scheide nicht mehr im Vordergrund. Stattdessen wurden nun ein Lederriemen verwendet, um ein Holster und spezielle Messerbefestigungen zu tragen.

In Russland tauchte dieser Teil der militärischen Ausrüstung erstmals 1705 auf, als Fürst Alexander Kurakin die Verwendung von Schulterriemen einführte. Sie waren aus Leder gefertigt und dienten zur Befestigung von Schulterklappen. Zusätzlich besaßen sie Halterungen für Messerklingen. Die Größe konnte mit einer Messingschnalle an den Träger angepasst werden.

Später wurde den besten Kadetten der Militärschulen im kaiserlichen Russland der inoffizielle Titel “Harnesskadett” verliehen. Ein Titel, der auf die Überlegenheit dieser Person hinwies. Der typische Harness aus dieser Zeit ist auf dem Porträt von Alexander III. zu sehen.

Portrait of Russian emperor Alexander III, a copy made by Fredrik Ahlstedt for the Helsinki University in 1897. Original made by Johann Köler for the Finnish imperial Senate in 1882.

In der Zeit der Offiziere wurden die Harnesse über der Schulter getragen. Die Husaren befestigten daran eine Tasche mit einem Monogramm oder Emblem. Später wurde die Tasche auch öfters durch einen Musketen-Halter ersetzt. Während des Bürgerkriegs waren Lederriemen ein wesentliches Attribut der Offiziere der Roten Armee. Damals wurden Harnesse über Tuniken und Mänteln getragen. Vermutlich in den 1970er Jahren hielt dieses Accessoire Einzug in die Modeschauen und vor allem in die (schwule) Fetisch-Kultur. Es ist jedoch nicht möglich, das genaue Datum zu bestimmen, an dem ein Harness zum reinen Kleidungsstück jenseits seiner ursprünglichen Anwendungsweise wurde.

 

 

 

Das Harness in der Fetisch-Kultur

Da es keine dokumentierte Geschichte des Harness in der Fetisch-Kultur gibt, habe ich mich entschlossen, zu recherchieren. Hier also die Geschichte des wahrscheinlich beliebtesten Fetisch-Kleidungsstücks der schwulen Kultur, nach bestem Wissen und Gewissen, denn für wen war nicht das Harness die erste (teure) Anschaffung für die Fetisch-Garderobe?

Wer dazugehören möchte, versteht schnell, dass ein Harness ein äußerst beliebtes Kleidungsstück für schwule Männer ist und immer war. Aber wie kam es dazu? Wie konnte das Harness zu einem so begehrten und vor allem symbolträchtigen Kleidungsstück unter schwulen Männern werden? Versuchen wir das mal zu rekonstruieren: Um das Harness – wie um den größten Teil der schwulen Leder- und Fetisch-Geschichte – ranken sich viele Gerüchte, Vermutungen und wage Erzählungen aus dritter oder vierter Hand. Konkrete Aufzeichnungen gibt es dagegen nur sehr wenige. „Ich habe vor über einem Jahr jemanden damit beauftragt, Nachforschungen anzustellen, und wir waren nicht in der Lage, einen Ursprung zu finden“, erzählt Mel Leverich, Archivar und Bibliothekar für Sammlungen im Leather Archives & Museum in Chicago. Er konnte lediglich bestätigen, dass Harnesse auf den frühesten Bar-Fotos aus der Mitte der 1970er Jahre bereits auftauchten und in den 1980er Jahren immer häufiger zu sehen waren.

Versuchen wir es also mal von der Seite des Marktes. Vielleicht können wir in Inseraten oder Katalogen etwas Brauchbares finden? „A Taste of Leather“ in der Market Street in San Francisco gilt unumstritten als das erste „in bar“-Ledergeschäft (Eröffnung 1967). Im ältesten erhaltenen Katalog im „Leather Archive“  aus dem Jahr 1970, tauchen keine Harnesse auf. Im Katalog von 1972 jedoch finden sich bereits erste Harnesse aus Ketten, und 1976 widmet der Katalog dann bereits zwei ganze Seiten den Leder-Harnessen. Von Brustgeschirren bis zu Bauchgeschirren mit Dildos reichte damals das Angebot. Anhand dieser Dokumente kann man davon ausgehen, dass das Leder-Harness zwischen 1972 und 1976 entstanden und Einzug in die schwule Fetisch-Kultur gefunden hat. Versuchen wir vielleicht noch genaueres doch mal über Events in Erfahrung zu bringen. „Soweit ich weiß, gibt es keine Geschichte der Harnesse”, schreibt Gayle Rublin, Lederhistorikerin und Anthropologieprofessorin. Sie konnte lediglich feststellen, dass zu den Gründungszeiten des IML (International Mister Leather) im Jahr 1979, Harnesse auf den Fotos bereits zu sehen sind. Damit ist die Datierung des Leather-Archives bestätigt, aber leider nicht genauer geworden.

Tom of Finland, der „Erfinder“ der schwulen Harnesse?

Sehen wir uns nun noch Tom of Finland’s Arbeiten durch, und versuchen wir zu erkennen, wann er Harnesse erstmals zeichnete und vor allem auch wie er sie darstellte. Die Leder-Community entstand praktisch sofort nach dem Zweiten Weltkrieg. Für Soldaten war es zu dieser Zeit oft schwierig, sich wieder in die normale Gesellschaft zu integrieren. Für viele von ihnen bot der Militärdienst fast die einzige Möglichkeit, ihre gleichgeschlechtlichen Neigungen auszuleben. Nach Kriegsende suchten sie Zuflucht in Motorradclubs, wo sie Gleichgesinnte trafen, die sich von der konformistischen Kultur des Nachkriegs-Amerikas distanzierten. In diesen Clubs war Lederkleidung allgegenwärtig und signalisierte Männlichkeit. Eine Umgebung, die für schwule Männer einfach zu verlockend war, wurden sie doch damals vor allem als verweichlicht dargestellt.

Dieses übermaskuline Image wurde durch den Künstler Touko Valio Laaksonen, besser bekannt als Tom of Finland, weiter popularisiert. Seine stark maskulinisierte, homoerotische Kunst ging Hand in Hand mit dem Aufkommen der schwulen Lederszene einher. Viele Lederenthusiasten schreiben Tom of Finland die Popularisierung des Harness zu. Während einer Präsentation des Leather Archives & Museum bei einem IML in den frühen 2000er Jahren teilte Scott Erickson, Gründer des Leather Journal („die führende Publikation der BDSM/Fetisch/Leder-Community“ in den USA), eine Vermutung über den Ursprung des Harness als schwules Fetisch-Accessoire: Tom of Finland durfte seiner Meinung nach aufgrund von Zensurgesetzen keine Bilder von Männern beim Sex zeichnen. Um dies zu umgehen, zeichnete der Künstler Männer als historische Darstellungen, die im Interesse der Geschichtsschreibung legal waren. So stellte er oft Gladiatoren in Harnessen dar. Schwule Männer kopierten einfach das, was sie sahen. Wenn jemand ein Harness trägt, dann trägt er ein Symbol der Zensur.

Natürlich ist das alles am Ende trotzdem nur Spekulation, da es keine offiziell dokumentierte Geschichte dazu gibt, aber wenn man die sexuelle Natur von Tom of Finland bedenkt, könnte man ein Harness in seinen Werken sehen und das Kleidungsstück als Symbol für sexuelle Abweichung betrachten, was es auch sein kann. Das Kleidungsstück bietet sich natürlich für BDSM an, bei dem es um Ordnung, Disziplin und Kontrolle geht. Instinktiv wurde es zu einem Spielzeug für Dom/Sub-Spiele und zu einem Kleidungsstück, an dem man wunderbar ziehen und sich festhalten kann, um tiefer einzudringen.

Andere glauben, dass das Harness aus der japanischen Bondage-Szene heraus entstanden ist. Im frühen 20. Jahrhundert führte das Kabuki-Theater in seinen stark stilisierten Aufführungen Fesseln im Stil von Bondage ein, und viele dieser Fesseln ähneln den heute getragenen Harnessen. Nach dem Zweiten Weltkrieg zeigten Fetischmagazine in Nordamerika diese Art der Fesselung in Illustrationen und Fotos. Manche behaupten, dass es die Soldaten des Zweiten Weltkriegs waren, die diese Form der Fesselung in Übersee ausprobiert oder miterlebt hatten, und die daraufhin diese Kunstform nach Nordamerika und Europa brachten.

Heutzutage ist das Harness beliebter denn je – es hatte sogar kürzlich einen Moment auf dem roten Teppich, als Michael B. Jordan ein Harness bei den SAG Awards trug –, aber es hat seine Bedeutung innerhalb der Gemeinschaft schlussendlich verloren, so wie es auch seine Geschichte verloren hat. Was wir mit Sicherheit wissen, ist, dass das Harness eine lange Lebensdauer hat und viele andere Lederartikel, die im Laufe der Zeit in Lederbars üblich waren, überlebt hat. Und auch wenn die Lederszene in ihrer traditionellen Form vielleicht verblassen mag oder sich einfach nur wandeln wird, eines ist klar: Die Ausrüstung wird nicht so schnell verschwinden. Die steigende Popularität von Harnessen im Besonderen ist tiefgreifend, und dieses Symbol für Kink und Gay-Lebensart ist sowohl innerhalb als auch außerhalb der Community immer weiter verbreitet. Ich denke, dass die Verbreitung von Harnessen auf dem Laufsteg und in der Mode ein bemerkenswertes Symptom für die fortschreitende Entstigmatisierung der sexuellen Befreiung der schwulen Community, aber nur, solange wir den Kink- und Gay-Wurzeln ihren Tribut zollen. Neue Materialien wie PVC, Vinyl, Gummi und High-Fashion-Stoffe tauchen zunehmend in stilisierten, harnessartigen Kleidungsstücken auf. Wenn man mit Leuten aus verschiedenen Ledergruppen darüber spricht, wird schnell klar, dass der Grund dafür gar nicht so komplex ist. Harnesse sind sexy zu tragen und anzusehen. Sie betonen unsere Muskeln an den richtigen Stellen. Sie sind großartig, um Farben zu zeigen, gerade auch wenn man auf bestimmte sexuelle Handlungen steht. Das Harness steht für all diese Dinge, aber vor allem steht es für jeden einzelnen von uns und für die Fetisch-Community als Ganzes.

Wofür steht für Euch das Harness? Könnt ihr Euch noch daran erinnern, wie ihr das erste Mal eines gesehen, getragen oder gekauft habt? Habt ihr eine ganz persönliche Harness-Geschichte zu erzählen? Lasst es uns gerne wissen und schreibt der Redaktion unter redaktion@queeremedien.de. Und womit wird das Harness am liebsten kombiniert? Natürlich mit einem Jockstrap! Im Dezember geht es deshalb bei uns um die Kulturgeschichte des Jockstraps! (ca)

Redaktionhttps://him-magazine.de
Wir verstehen uns als ein ehrliches, sexpositives Magazin, das nicht fremdbestimmt Themen vorgibt, sondern mit der Community zusammen Themen anspricht.

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