Alles Gender oder was? Wirklich nur eine Frage des Geschlechts?

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Das druckfrische Buch „Alle(s) Gender – Wie kommt das Geschlecht in den Kopf?“ von Sigi Lieb versucht die Quadratur des Kreises und will mehr Sachlichkeit in die aufgeheizten Debatten zwischen queeren Aktivisten und Gay-Community bringen. Für die einen ist Geschlecht ein Spektrum, für Schwule und Lesben wie für den Großteil der Gesellschaft ist indes klar, es gibt nur zwei Geschlechter und diverse, rare Mischvarianten zwischen männlich und weiblich (Intersexualität), die aber kein eigenes Geschlecht bilden. Sigi Lieb nähert sich in ihrem neuen Buch mit fundierten Fakten dem Status quo und schafft es, interessant und informativ über die Debattenkriege in unserer Community aufzuklären – gerade, weil sich Lieb auch traut, Fakten beim Namen zu nennen und Dogmen zu hinterfragen, ist „Alle(s) Gender“ ein Buch mit starkem Mehrwert, auch für schwule Männer!

Ein großes Thema ist dabei auch das vielumstrittene geplante Selbstbestimmungsgesetz – für viele Frauen ist die Gefahr groß, dass durch die einfache Selbstbestimmung ohne medizinische Gutachten künftig Menschen mit Penis in Frauenschutzräume eindringen könnten. Lieb dazu: „Das versteht jedes Vorschulkind: Bei einer nackten Person sehen andere anhand von Penis einen Mann und bei Vulva eine Frau, weltweit, in allen Kulturen. Die Identität, die diesem Körper durchaus widersprechen kann, sehen sie nicht. Auch ihr Schamgefühl orientiert sich an dem, was sie sehen. Es gibt nun mal Menschen, die sich nicht vor andersgeschlechtlichen Körpern entblößen wollen. Das selbst zu bestimmen, ist ihr Recht. Safespaces dafür einzufordern, ebenfalls (…) Wir können sicher sein: Wo eine Gesetzeslücke ist, wird sie genutzt, Nicht unbedingt von denen, für die das Gesetz gedacht ist, sondern von Trittbrett-Fahrer*innen, die sich dadurch Vorteile versprechen. Die Argumentation von Sven Lehmann und Transaktivist *innen – weil es bisher keine Probleme gab, wird es auch künftig keine Probleme geben – klingt nach Wunschdenken statt realer Gesellschaftspolitik.“ Die Autorin zeigt dabei auch ganz praktisch Lösungsansätze auf, so könnte sich beispielsweise in Saunen nebst einem Frauentag auch ein Queertag einrichten lassen, wo alle queeren Menschen herzlich willkommen wären. „Ich finde es befremdlich, dass manche Personen mit Penis unbedingt am Frauentag in die Sauna wollen. Es gibt sechs Tage, die für alle offen sind“, so Lieb weiter.

Immer wieder im Fokus der Diskussion ist dabei auch die Frage, ob es nicht doch sinnvoll wäre, dass es auch weiterhin eine psychologische Abklärung gibt, bevor gerade junge Menschen den Schritt hin zu einem Geschlechtswechsel und dem meist darauffolgenden Beginn einer Transition gehen. Für queere Aktivisten ist diese Forderung transphob, weil nur jeder Mensch für sich selbst entscheiden könne, was er ist. Lieb sieht das anders: „Zwischen Homosexualität und Transidentität gibt es einen großen Unterschied: Während sich Menschen sexuell ausprobieren und sowohl homo- wie heteroerotische Erfahrungen sammeln können, geht es bei der medizinischen Transition um irreversible Veränderungen, die zwar bereut, aber nicht korrigiert werden können. Gerade die Jugend und die Adoleszenz sind besonders vulnerable Lebensphasen, geprägt von Identitäts- und Körperkrisen aller Art bei gleichzeitigem Hang zu impulsivem Handeln. Deshalb brauchen Jugendliche und junge Erwachsene eine besonders sensible und gute Begleitung und Beratung, die ihre Fragen, Ängste und Nöte ernst nimmt, aber eben auch hinterfragt, um die Ursachen erkennen zu können.“

Lieb spannt dabei auch anderweitig inhaltlich einen weiten Bogen, hinterfragt beispielsweise auch die deutsche Fernsehlandschaft mit Tatort und Polizeiruf und skizziert eine Entwicklung der Geschlechterrollen. An anderer Stelle blickt sie auf das Patriarchat und fragt sich, warum sich dieses – auch zum Nachteil für schwule Männer – bis heute so hartnäckig hält. Daneben betrachtet sie die aktuelle Lage in anderen Ländern und Kulturen, wie diese mit dem Thema Geschlecht umgehen. Ein Blick über den Tellerrand lohne dabei immer. Klare Kante zeigt Lieb bei der Übergriffigkeit einiger queerer Aktivisten, die jüngst zum Beispiel Lesben als transphob brandmarkten, nur weil diese nicht mit einer Trans-Frau mit Penis Sex haben wollten – oder andersherum, wenn sich schwule Männer weigern, mit einem Trans-Mann mit Vulva Sex zu haben. „Sexuelles Begehren hat nun mal etwas mit Körpern zu tun. Und es ist das ureigenste Menschenrecht einer Person, attraktiv zu finden, wen sie will, und Sex zu haben, mit wem sie will, solange die Sexpartner*in erwachsen und einverstanden ist. Das ist zu respektieren. Alles andere ist ein sexueller Übergriff!“

Sigi Lieb studierte Diplom-Sozialwissenschaften an der FAU Erlangen-Nürnberg mit interkulturellem Schwerpunkt und volontierte bei der Deutschen Welle in Köln, Bonn und Berlin. Nach Jahren als Journalistin arbeitet sie heute als Beraterin für inklusive, geschlechtersensible und diskriminierungsarme Kommunikation und lebt in Köln. Trotz des unbestreitbaren Fachwissens wurde sie zuletzt erneut das Ziel von Angriffen queerer Aktivisten – einzelne Kritikpunkte im neuen Buch, die eigentlich zum eigenen Reflektieren anregen sollten, reichten offenbar bereits dafür aus. So zeigt sich leider einmal mehr, dass mit einem kleinen Teil der queeren Bubble ein vernünftiges Gespräch offenbar kaum mehr möglich ist. Lieb schreibt so selbst: „In diesem hasserfüllten Schwarz-weiß-Denken sehe ich eine grobe Gefahr: Wenn Transaktivist*innen alles als rechts und faschistisch framen, was nicht dem eigenen Narrativ entspricht, verharmlosen sie rechten Extremismus und Faschismus und verwischen die Grenzen nach rechts; zur Freude von Rechten und Radikal-Religiösen, denn es macht sie anschlussfähig und das ist gefährlich.“

Gerade in der voreiligen Ablehnung von Liebs Buch offenbart sich im weiteren Kontext das, was die Autorin selbst schreibt: „Zu dieser Inszenierung gehört die Selbstdarstellung als Opfer. Die eigene Diskriminierung wird überhöht, alle anderen Aspekte werden ausgeblendet. Das Ich steht im Zentrum und nur es zählt. Kritischen Nachfragen wird mit Polemik begegnet.“ Immer wieder reicht Lieb dabei auch queeren Aktivisten symbolisch die Hand, lädt zur gemeinsamen Diskussion ein und stellt dabei trotzdem Fakten heraus: „Wir können neue Geschlechterrollen definieren und neben Mann und Frau weitere Geschlechtskategorien differenzieren. Unsere Wahrnehmung von Mann und Frau aufgrund körperlicher Merkmale abstellen können wir vermutlich nicht. Denn die Ursache, dass wir überhaupt geschlechtliche Körper haben, liegt in der Evolution und der zweigeschlechtlichen Fortpflanzung. Die Natur können wir nicht ignorieren.“ Lieb will Verständnis und Akzeptanz mehren, Brücken bauen und Menschen abholen und beweist dies eindrucksvoll in ihrem lesenswerten Buch – allein, die Befürchtung bleibt bestehen, dass jene, die derzeit besonders laut schreien, gar nicht erst zuhören wollen (jh).

Sigi Lieb: Alle(s) Gender – Wie kommt das Geschlecht in den Kopf? 336 Seiten, 20 €, erschienen im Querverlag. Mehr unter querverlag.de

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